90 Prozent der Fischbestände in den Meeren übernutzt? Der Zustand der weltweiten Meeresfischbestände

 

Einer der beliebtesten Mythen im Zusammenhang mit der Nutzung von Meeresfisch ist der von den leergefischten Meeren. Immer wieder werden Zahlen der Welternährungsorganisation FAO zitiert, nach denen „über 90 Prozent der Meeresfischbestände zusammengebrochen oder bis an den Rand genutzt“ seien.

Verlässliche Zahlen für den Zustand der Weltfischbestände kommen von der Welternährungsorganisation FAO. Sie veröffentlicht alle zwei Jahre den SOFIA-Report [1]. Nach dem 2018 erschienenen aktuellsten Bericht, der Daten bis 2015 berücksichtigt, befinden sich 33 Prozent der etwa 450 marinen Bestände, über die ausreichende Informationen für eine Klassifizierung nach dem Konzept des maximalen nachhaltigen Dauerertrages (maximum sustainable yield, MSY) vorliegen, im roten Bereich. Sie sind also kollabiert, überfischt oder sich erholend und damit derzeit nicht nachhaltig genutzt. Weitere 60 Prozent sind maximal, aber nachhaltig genutzt, und nur 7 Prozent haben noch Entwicklungsmöglichkeiten, sind also „unternutzt“ (Abb. 1).

Umweltverbände schlagen häufig den „maximal genutzten Bereich“ dem roten Bereich zu, und formulieren dann zum Beispiel „über 90 Prozent der marinen Bestände sind bis ans Limit genutzt oder bereits kollabiert“. Die Formulierung suggeriert, dass bis zur Grenze genutzte Bestände in naher Zukunft kollabieren werden. Dies ist jedoch eine Fehlinterpretation, die so weit verbreitet ist, dass sich die FAO im aktuellen SOFIA-Report zu einer entsprechenden Klarstellung veranlasst sah: Die Kategorie „maximal genutzt“ dürfe nicht mit „überfischt“ vereint werden, denn maximale Nutzung bedeute optimale Nutzung. Tatsächlich ist, entsprechend internationaler Abkommen, die „maximale Nutzung“ die Zielvorstellung des Fischereimanagements. Zwei Drittel der marinen Bestände sind also derzeit im grünen Bereich (Abb. 1), und der Anteil der optimal genutzten Bestände ist über viele Jahre stabil geblieben. Diese Bestände liefern ausserdem den ganz überwiegenden Teil der weltweiten Wildfisch-Anlandemenge. Aber natürlich sind auch 33 Prozent Bestände in schlechtem Zustand ein erhebliches Problem, und der Anteil der Bestände im roten Bereich nimmt seit vielen Jahren zu, der unternutzten Bestände dagegen ab, eine Umkehr des Trends ist also nicht erkennbar (Abb. 1). Dieser ist aber wenigstens in europäischen Gewässern bereits erfolgt: Während Anfang des Jahrtausends 94 Prozent der Bestände noch nicht nach MSY-Ansatz bewirtschaftet wurden (also im roten Bereich waren), sind es aktuell (Zahlen von 2016/17) nur noch 41 Prozent (bezogen auf den Fischereidruck) bzw. 35% (bezogen auf die Biomasse) [2].

Der Zustand der marinen Ressourcen ist also viel besser, als die meisten Menschen glauben, auch wenn wir vom Ziel einen nachhaltigen Nutzung aller Meeresfischbestände noch immer weit entfernt sind. Es gibt also keinen Grund, in den Bemühungen um eine nachhaltige Bewirtschaftung nachzulassen, aber es gibt auch bemerkenswerte Fortschritte die zeigen, dass sich der Aufwand lohnt.

Literatur:

[1] FAO. 2018. The State of World Fisheries and Aquaculture 2018 - Meeting the sustainable development goals. Rome. Licence: CC BY-NC-SA 3.0 IGO.

[2] Scientific, Technical and Economic Committee for Fisheries (STECF) – Monitoring the performance of the Common Fisheries Policy (STECF-Adhoc-18-01). Publications Office of the European Union, Luxembourg, 2018, ISBN 978-92-79-85802-4, doi:10.2760/329345, JRC111761