Bestandsdatenblatt

Nordsee-Schellfisch

Gültig 06/2012 - 06/2013

Nordsee-Schellfisch

gültig 06/2012 - 06/2013

Zugehörige Fischart

Schellfisch

Allgemeine Informationen

Ökoregion:Nordsee
Fanggebiet:Nordsee (4, 3.a20) FAO 27
Art:Melanogrammus aeglefinus

Wissenschaftliche Begutachtung

Internationaler Rat für Meeresforschung (ICES), Kopenhagen, www.ices.dk

Methode, Frequenz

Jährliche analytische Bestandsberechnung mit Vorhersage unter Verwendung von Fangdaten und drei unabhängigen wissenschaftlichen Forschungsreisen. Rückwürfe und Beifang in der Industriefischerei gehen in die Berechnungen ein. Alle vier Referenzwerte nach dem Vorsorgeansatz (Fpa, Flim, Bpa, Blim) und zwei Referenzwerte nach dem Konzept zur Erlangung des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages (Btrig, Fmsy) sind definiert. [493] [494]

Wesentliche Punkte

2012: Der Bestand ist nach allen Managementansätzen vollständig im grünen Bereich. Er wird damit bereits nach dem anspruchsvollen Konzept zur Erlangung des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages (MSY) bewirtschaftet. Die fischereiliche Sterblichkeit ist im letzten Jahr etwas gestiegen, die Laicherbiomasse konnte trotzdem weiter anwachsen. [493] [494]

Bestands­zustand

Laicherbiomasse (Reproduktionskapazität)

  volle Reproduktionskapazität (nach Vorsorgeansatz)

  über dem Grenzwert (nach Managementplan)

  innerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwert (nach höchstem Dauerertrag)

 

Fischereiliche Sterblichkeit
 

  nachhaltig bewirtschaftet (nach Vorsorgeansatz)

  innerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwert (nach Managementplan)

  angemessen (nach höchstem Dauerertrag)

 

Bestands­entwicklung

Die Fischerei auf diesen Bestand wird im Wesentlichen von gelegentlich auftretenden, sehr starken Jahrgängen getragen, die zu einer raschen Zunahme der Laicherbiomasse führen. Zwischen diesen Ereignissen ist die Nachwuchsproduktion sehr gering. Herausragende Jahrgänge sind 1967, 1974 und 1999 aufgetreten, diese haben über viele Jahre eine gute Fischerei ermöglicht. Die letzten Jahrgänge waren schwach, nur 2005 und 2009 waren etwas stärker. Die fischereiliche Sterblichkeit war über den größten Teil der Zeitreihe viel zu hoch, vor allem durch erhebliche Rückwürfe in der gemischten Rundfischfischerei, und konnte erst seit Beginn dieses Jahrtausends auf ein nachhaltiges Maß gesenkt werden. Ursache hierfür waren die vielfältigen Bemühungen, den überfischten Nordsee-Kabeljau wieder aufzubauen. Dies führt nun zu einer Stabilisierung der Schellfisch-Biomasse. [493] [494]

Ausblick

Der Managementplan ermöglicht eine erneute Steigerung der Höchstfangmengen (TACs) für 2013 um 15%. Bei einer Bewirtschaftung unter Berücksichtigung des Auftretens verschiedener Arten in gemischten Fischereien wäre allerdings eine Senkung der Fangmengen nötig, um Bestände in einem schlechteren Zustand, wie den Nordsee-Kabeljau, zu schonen. [493] [494]

Umwelt­einflüsse auf den Bestand

Das Wachstum von Schellfisch in der Nordsee hängt von der Wassertemperatur ab. Warmes Wasser führt zu schnellerem Wachstum in den frühen Lebensstadien, aber auch zu früherer Geschlechtsreife und zu geringeren maximalen Längen. Ursache und Auslöser für das bemerkenswerte unregelmäßige Auftreten sehr starker Jahrgänge sind nicht bekannt. [493] [495] [496]

Wer und Wie

Das Management erfolgt durch die Europäische Union und Norwegen. Ein Managementplan ist seit 2005 in Kraft. Dieser Plan wurde vom ICES als in Übereinstimmung mit dem Vorsorgeansatz bewertet und ist Basis für Fangempfehlung und Festsetzung der TACs. 2008 wurde der Plan leicht überarbeitet, um eine geringfügige Übertragbarkeit der Quoten zwischen den Jahren zu ermöglichen. Weitere Managementinstrumente sind Verordnungen zu Maschenweiten und Mindestanlandelängen (MLS), die sich in EU- und norwegischen Gewässern unterscheiden. Die seit 1998 zunehmend implementierten Schutzmaßnahmen für den Nordsee-Kabeljau haben zwar nicht zu einer Erholung dieses Bestandes geführt, hatten aber eindeutig sehr positive Auswirkungen auf den Nordsee-Schellfischbestand. [39] [493] [494]

Differenz zwischen Wissen­schaft und Management

Das Management befolgt seit 2008 den Bewirtschaftungsplan, der auch die Basis für die wissenschaftliche Empfehlung bildet. Wissenschaftliche Empfehlung und festgesetzte Höchstfangmengen stimmen also gut überein. [493] [494]

Karten

Verbreitungsgebiet

Managementgebiet

Die Empfehlungen des ICES werden für die Nordsee (IV) und das Skagerrak (IIIaN) gegeben. Die Höchstfangmengen (TACs) werden für IV und den EU-Teil von IIa getrennt von dem gesamten Gebiet III (Skagerrak/Kattegat und EU-Gebiete der eigentlichen Ostsee) festgelegt. Management- und Verbreitungsgebiet stimmen recht gut überein. [380] [493]

Anlandungen und TACs (in 1.000 t)

Gesamtfang2011: 46,4; Anlandungen: 34,8; Rückwürfe: 11,5; davon Grundschleppnetze und Umkreisungsnetze 86%, Kaisergranat-Schleppnetze 11%, andere 3%
TACs 4 & 2.a (EU) / 32007: 55,0/3,4 2008: 46,0/2,9 2009: 42,1/2,6 2010: 35,8/2,2
2011: 34,1/2,1 2012: 39,2/2,4 [380] [493]

IUU-Fischerei

Es gibt keine Hinweise auf illegale oder unberichtete Fänge von Nordsee-Schellfisch. [493]

Struktur und Fangmethode

Schellfisch wird in der Nordsee überwiegend mit Grundschleppnetzen gefangen, zu einem kleineren Teil mit Umkreisungsnetzen. Er wird überwiegend in der gemischten Rundfischfischerei mit Kabeljau und Wittling gefangen (und kann hier auch Zielart sein), oder als Beifang in der Kaisergranatfischerei. Die schottische Flotte fängt den größten Anteil dieses Bestandes. [493] [494]

Beifänge und Rückwürfe

Schellfisch wird als weniger wertvoll angesehen als Kabeljau und ist schwieriger zu vermarkten. Daher kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Rückwürfen großer Mengen anlandefähigen Schellfischs, um den Platz an Bord für Kabeljau vorzuhalten. Noch 2007 wurde ebensoviel Schellfisch verworfen wie für den menschlichen Verzehr angelandet. In norwegischen Gewässern sind sämtliche Rückwürfe von quotierten Arten verboten, in EU-Gewässern dagegen nur solche, die legal angelandet werden könnten (Highgrading-Verbot seit 2009/2010). Trotzdem wird davon ausgegangen, dass noch immer bis zu 25% der Gesamtfänge verworfen werden (Tendenz abnehmend). Beifänge von Schellfisch in der Industriefischerei waren bis 2003 bedeutend, spielen seither aber keine Rolle mehr. [39] [241] [493]

Einflüsse der Fischerei auf die Umwelt

Durch den Einsatz von Grundschleppnetzen kann der Meeresboden geschädigt werden. Sie fangen neben den Zielarten auch Arten, die nicht kommerziell genutzt werden und deren Entnahme einen Einfluss auf das Ökosystem haben kann. Artenzusammensetzung, Biomasse und Nahrungsgefüge können sich erheblich verändern. Entlang der norwegischen Küste sind empfindliche Kaltwasser-Korallen verbreitet, die durch Fanggeräte zerstört werden können. Die Kartierung der Riffe schreitet stetig voran, auch Fischer versuchen den Kontakt mit Riffen zu vermeiden um ihr Gerät zu schonen. In einigen Gebieten ist zum Schutz dieser Riffe der Einsatz von Grundschleppnetzen verboten. [7] [8] [30] [149] [493] [494]

Biologische Besonder­heiten

Dieser Bestand wird als ein „spasmodic spawner“ bezeichnet: Alle paar Jahre produziert er einen sehr starken Nachwuchsjahrgang, der dann zu einem schnellen Anstieg der Laicherbiomasse führt und die Fischerei über viele Jahre tragen kann. Zwischen diesen Ereignissen ist die Nachwuchsproduktion sehr gering. Herausragende Jahrgänge sind 1967, 1974 und 1999 aufgetreten. [493] [494]

Zusätzliche Informationen

Die gemischte Rundfischfischerei in der Nordsee lässt sich wie die gemischte Plattfischfischerei kaum sinnvoll mit einem Ein-Arten Ansatz bewirtschaften: Die gemeinsam gefangenen Arten liefern sehr unterschiedliche Anlandeerlöse, und deshalb werden die weniger wertvollen Arten in erheblichem Umfang verworfen.
Mit Rückgang des Kabeljaus ist vermehrt Nordsee-Schellfisch die Basis für das berühmte britische Gericht „Fish and Chips“. [4] [493] [494]

Zertifizierte Fischereien

Eine Fischerei auf Schellfisch in der Nordsee ist seit 2010 nach den Standards des Marine Stewardship Councils zertifiziert (2011: ca. 60% der Anlandungen), eine weitere ist im Zertifizierungsverfahren. [4]

Soziale Aspekte

Schellfisch wird mit mittleren und großen Fahrzeugen aller Nordsee-Anrainer gefangen. Die meisten Anlandungen werden vom Vereinigten Königreich getätigt (vor allem Schottland). Die Fahrzeuge fahren unter den Flaggen der Anrainerstaaten, die Arbeitsbedingungen an Bord und die Entlohnung erfolgt daher nach deren Regeln. [13] [494]

AutorJahrTitelQuelle
[4]Marine Stewardship Council (MSC)Fisch und Meeresfrüchte aus zertifiziert nachhaltiger Fischereimsc.org
[7]Kaiser MJ, Ramsay K, Ramsay K, Richardson CA, Spence FE, Brand AR2000Chronic fishing disturbance has changed shelf sea benthic community structure Journal of Animal Ecology 69:494-503
[8]Hiddink JG, Jennings S, Kaiser MJ, Queirós AM, Duplisea DE, Piet GJ2006Cumulative impacts of seabed trawl disturbance on benthic biomass, production, and species richness in different habitats Canadian Journal of Fisheries and Aquatic Sciences 63:721-736
[13]Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) Homepageble.de
[14]Fisch-Informationszentrum e.V. (FIZ)Fisch-Informationszentrum e.V. Homepagefischinfo.de
[30]Food and Agriculture Organization (FAO)FAO. © 2003-2010. Fisheries Topics: Technology. Fish capture technology. In: FAO Fisheries and Aquaculture Department [online]. Rome. Updated 2006 15 09.[Cited 10 June 2010]fao.org
[39]Fischereiverwaltung, NorwegenOnline Portal des Fiskeridirektoratet (Fischereiverwaltung), Norwegenfiskeridir.no
[149]MAREANO: The Sea in Maps and PicturesMareano Homepage: Coral reefsmareano.no
[241]Europäische Union (EG)2011Verordnung (EU) Nr. 579/2011 des europäischen Parlaments und des Rates vom 8. Juni 2011 zur Änderung der Verordnung (EG) Nr. 850/98 des Rates zur Erhaltung der Fischereiressourcen durch technische Maßnahmen zum Schutz von jungen Meerestieren und der Verordnung (EG) Nr. 1288/2009 des Rates zur Festlegung technischer Übergangsmaßnahmen für den Zeitraum vom 1. Januar 2010 bis zum 30. Juni 2011europa.eu
[380]Europäische Union2012Verordnung (EU) Nr. 44/2012 des Rates vom 17. Januar 2012 zur Festsetzung der Fangmöglichkeiten im Jahr 2012 in EU-Gewässern und für EU-Schiffe in bestimmten Nicht-EU-Gewässern für bestimmte, über internationale Verhandlungen und Übereinkünfte regulierte Fischbestände und Bestandsgruppeneuropa.eu
[493]ICES2012Report of the Advisory Committee, 2012. Book 6. North Sea. 6.4.3. Haddock in Subarea IV (North Sea) and Division IIIa West (Skagerrak)ices.dk
[494]ICES2012Report of the Working Group on the Assessment of Demersal Stocks in the North Sea and Skagerrak (WGNSSK), 27 April - 3 May 2012, ICES Headquarters, Copenhagen. ICES CM 2012/ACOM:13. 19 pp. 13 Haddock in Subarea IV and Division IIIa (N)ices.dk
[495]Wright PJ, Gibb FM, Gibb I.M, Millar CP2011Reproductive investment in the North Sea haddock: temporal and spatial variation. Marine Ecology Progress Series, 432: 149–160
[496]Baudron AR, Needle CL, Marshall CT2011Implications of a warming North Sea for the growth of haddock Melanogrammus aeglefinus. Journal of Fish Biology, 78/7:1874–1889