90 Prozent der Fischbestände in den Meeren übernutzt? - Der Zustand der weltweiten Meeresfischerei-Ressourcen ist besser als die meisten Menschen glauben

(dieser Artikel wird regelmäßig aktualisiert)

Einer der beliebtesten Mythen im Zusammenhang mit der Nutzung von lebenden Meeresressourcen ist der von den leergefischten Meeren. Immer wieder werden Zahlen der Welternährungsorganisation FAO zitiert, nach denen „90 Prozent der Meeresfischbestände zusammengebrochen oder bis an den Rand genutzt“ seien.

Verlässliche Zahlen für den Zustand der weltweiten aquatischen Ressourcen kommen von der Welternährungsorganisation FAO. Sie veröffentlicht alle zwei Jahre den SOFIA-Report (The State of World Fisheries and Aquaculture). Für den SOFIA-Report 2026 wurde die Bewertungsmethode für die Meeresfischerei-Ressourcen überarbeitet und die Liste der begutachteten Bestände erheblich erweitert*. Die aktuelle Begutachtung beruht nun auf der Analyse der Biomasse von über 2.500 marinen Beständen. Die Klassifizierung erfolgt nach dem Konzept des maximalen nachhaltigen Dauerertrages (Maximum Sustainable Yield, MSY). Dem 2026 erschienenen aktuellsten Bericht zufolge, der Daten bis 2023 berücksichtigt, befinden sich 37,6 Prozent der marinen genutzten Bestände im roten Bereich [1]. Sie sind also kollabiert, überfischt oder erholen sich und sind damit derzeit nicht nachhaltig genutzt. Weitere 46,9 Prozent sind maximal, aber nachhaltig genutzt, und 15,5 Prozent haben noch Entwicklungsmöglichkeiten, sind also „unternutzt“ (Abb. 1). 62,4 Prozent der Bestände befinden sich also in einem guten Zustand**. Bei dieser Berechnung werden alle analysierten Bestände gleich behandelt, egal wie groß sie sind oder welchen Anteil an der Versorgung der Weltbevölkerung sie haben. In ihrem aktuellen Report weist die FAO daher wieder explizit darauf hin, dass Fische und andere Meerestiere, die auf den weltweiten Märkten gehandelt werden, zu einem erheblich größeren Teil (72,6 Prozent) aus FAO-analysierten Beständen in gutem Zustand stammen (Abb. 2). Von den zehn wichtigsten Arten (gemessen am Anlandevolumen) wurden 2023 sogar 73,6 Prozent der Bestände nachhaltig befischt. Zu diesen Arten gehören z.B. Alaska-Seelachs, Echter Bonito, peruanische Sardelle und Atlantischer Hering. Auch 91 Prozent der begutachteten Thunfischbestände befinden sich in gutem Zustand. Diese Ergebnisse untermauern frühere Aussagen, dass größere und produktivere Bestände oft besser bewirtschaftet werden als kleine. Es unterstreicht außerdem, wie wichtig ein wirksames Fischereimanagement für die Erholung der Bestände und die Steigerung der Fangmengen ist.

Umweltverbände schlagen dagegen häufig den „maximal genutzten Bereich“ dem roten Bereich zu, und formulieren dann zum Beispiel „90 Prozent der marinen Bestände sind bis ans Limit genutzt oder bereits kollabiert“. Diese Formulierung suggeriert, dass bis zur Grenze genutzte Bestände in naher Zukunft kollabieren werden. Dies ist jedoch eine Fehlinterpretation, die so weit verbreitet ist, dass sich die FAO in ihrem SOFIA-Report 2018 zu einer entsprechenden Klarstellung veranlasst sah: Die Kategorie „maximal nachhaltig genutzt/befischt“ dürfe nicht mit „überfischt“ vereint werden, denn maximale nachhaltige Nutzung bedeute optimale Nutzung [2]. Tatsächlich ist, entsprechend internationaler Abkommen, die „maximale nachhaltige Nutzung“ die Zielvorstellung des Fischereimanagements. Knapp zwei Drittel der marinen Bestände sind also derzeit im grünen Bereich (Abb. 1). Wie anfangs bereits erwähnt, liefern diese Bestände außerdem den ganz überwiegenden Teil der weltweiten Anlandemenge aus der Meeresfischerei (Abb. 2). Aber natürlich sind auch 37,6 Prozent Bestände in schlechtem Zustand ein erhebliches Problem, und der Anteil der Bestände im roten Bereich nimmt seit vielen Jahren zu. Eine Umkehr des Trends ist noch immer nicht erkennbar (Abb. 1). Die bereits 2021 beobachtete Zunahme des Anteils der unternutzten Bestände ist in der aktuellen Analyse aber weiterhin sichtbar.
In europäischen Gewässern hingegen erholen sich die Bestände langsam: Während 2003 65 Prozent der Bestände, bezogen auf den Fischereidruck, noch nicht nach MSY-Ansatz bewirtschaftet wurden (also im roten Bereich waren), sind es aktuell (Zahlen von 2024) nur noch 31 Prozent [3]. Der Zustand der lebenden Meeresressourcen ist also viel besser, als die meisten Menschen glauben, auch wenn wir vom Ziel einer nachhaltigen Nutzung aller Meeresfischbestände noch immer weit entfernt sind. Es gibt daher keinen Grund, in den Bemühungen um eine nachhaltige Bewirtschaftung nachzulassen, aber es gibt auch bemerkenswerte Fortschritte die zeigen, dass sich der Aufwand lohnt.
 

* Was ist neu beim SOFIA-Report 2026?
Zwischen 2022 und 2024 führte die FAO eine turnusmäßige Überprüfung mit einer umfassenden Aktualisierung ihrer Methodik zur Bewertung und Berichterstattung über den Zustand der befischten marinen Bestände durch [1]. Ein wesentliches Ergebnis dieses Prozesses war eine grundlegende Überarbeitung und Erweiterung der Referenzliste der Bestände, die in der globalen Bewertung durch die FAO verwendet wird: Es gehen nun über 2.500 Bestände in die Analyse ein, statt früher etwa 500.
Eine bedeutende methodische Neuerung in dieser Aktualisierung ist die Einführung eines transparenten dreistufigen Ansatzes zur Einstufung des Bestandszustands. Damit wird den großen Unterschieden in der Datenverfügbarkeit und -qualität zwischen den verschiedenen Regionen Rechnung getragen. So können Bestände mit vollständigen Bestandsbewertungen bis hin zu solchen mit datenärmeren Ansätzen und mehr Regionen und Fischereien systematisch erfasst und in die globale Bewertung integriert werden. 
Der 2025 erschienene „Review of the state of world marine fishery resources“ der FAO führte diese neue Methodik ein und beruhte bereits auf der Analyse von 2.570 Beständen (Daten für 2021) [4]. Der SOFIA-Report 2026 (Daten für 2023) verwendete 2.665 Bestände (inkl. Lachse, bzw. 2.508 Bestände ohne Lachse, die aufgrund ihrer besonderen Lebensweise teilweise aus der Analyse entfernt wurden) [1].

** Maximale nachhaltige Nutzung
Die FAO definiert Bestände als maximal nachhaltig befischt bzw. genutzt, wenn ihre Biomasse mehr als 80 Prozent und weniger als 120 Prozent des Zielwertes des maximalen nachhaltigen Dauerertrages (Bmsy) erreicht, also um diesen Zielwert schwankt. Bei einer Biomasse von mehr als 120 Prozent des Zielwerts ist ein Bestand unternutzt bzw. unterfischt, hat also noch Entwicklungsmöglichkeiten. Maximal nachhaltig genutzte und unternutzte Bestände fallen bei der FAO in die Kategorie der biologisch nachhaltig genutzten Bestände, sie befinden sich im grünen Bereich. Bei einer Biomasse von weniger als 80 Prozent des MSY-Zielwerts gilt ein Bestand als nicht nachhaltig bewirtschaftet, also überfischt [1]. Dieser Zustand sollte dringend vermieden werden, weil es langfristig zu Ertragseinbußen oder im schlimmsten Fall zum Zusammenbruch des Bestandes kommen kann.

Literatur:

[1] FAO. 2026. The State of World Fisheries and Aquaculture 2026 – Blue Transformation: turning vision into impact. Rome. doi.org/10.4060/cd8357en
[2] FAO. 2018. The State of World Fisheries and Aquaculture 2018 - Meeting the sustainable development goals. Rome. Licence: CC BY-NC-SA 3.0 IGO
[3] European Commission, Joint Research Centre, Scientific, Technical and Economic Committee for Fisheries (STECF) Monitoring the Performance of the Common Fisheries Policy (STECF-Adhoc-26-01), Publications Office of the European Union, Luxembourg, 2026, doi:XXXXXXXX, JRCXXXXXXX
[4] Sharma, R., Barange, M., Agostini, V., Barros, P., Gutierrez, N.L., Vasconcellos, M., Fernandez Reguera, D., Tiffay, C., & Levontin, P., eds. 2025. Review of the state of world marine fishery resources – 2025. FAO Fisheries and Aquaculture Technical Paper, No. 721. Rome. FAO. doi.org/10.4060/cd5538en