Bestandsdatenblatt

Nordostatlantischer Dornhai

Gültig 10/2012 - 10/2013

Allgemeine Informationen


Ökoregion:Barentsmeer (Nordost-Arktis), Norwegische See, Islandschelf, Färöer-Plateau, Keltischer und Biskaya-Schelf, Nordsee
Fanggebiet:Norwegische See (II), Nordsee (IV, IIIa), Keltische Meere (VI, VII), Island (Va), Färöer (Vb), Biskaya (VIII) FAO 27
Art:Squalus acanthias

Wissenschaftliche Begutachtung

Internationaler Rat für Meeresforschung (ICES), Kopenhagen, www.ices.dk

Methode, Frequenz

Seit 2006 wird die ICES-Begutachtung für den Nordostatlantischen Dornhai alle ein bis zwei Jahre herausgegeben. Sie basiert auf Anlandedaten und Daten aus wissenschaftlichen Forschungsreisen. Aktuelle kommerzielle Anlandedaten stehen allerdings kaum noch zur Verfügung, weil nur noch sehr wenige Fischereien Dornhai anlanden dürfen, und die Daten aus Forschungsreisen werden immer wichtiger. Ein Referenzwert nach dem Konzept des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages ist seit 2011 definiert (MSY-Nutzungsrate, NRmsy). Die Bestandsberechnung ist aufgrund unvollständiger Daten über die Anlandungen (vor allem in der Vergangenheit) sowie fehlender Informationen über Rückwürfe sehr unsicher. [565] [566]

Wesentliche Punkte

2012: Für EU-Fahrzeuge sind die gesetzlichen Höchstfangmengen (TACs) erneut Null (EU- und internationale Gewässer), es gibt also keine legalen Anlandungen von diesen Fahrzeugen. Die Nutzungsrate liegt inzwischen unter dem MSY-Referenzwert, und die Biomasse ist auf niedrigstem Niveau stabil. Der ICES empfiehlt weiterhin, keine gezielte Fischerei zuzulassen, Beifänge in der gemischten Fischerei weitestgehend zu minimieren und einen Erholungsplan zu entwickeln. [380] [565]

Bestands­zustand

Laicherbiomasse (Reproduktionskapazität)

  Referenzwerte nicht definiert (nach Vorsorgeansatz)

  Referenzwerte nicht definiert (nach Managementplan)

  Referenzwerte nicht definiert (nach höchstem Dauerertrag)

 

Fischereiliche Sterblichkeit

  Referenzwerte nicht definiert (nach Vorsorgeansatz)

  Referenzwerte nicht definiert (nach Managementplan)

  angemessen (nach höchstem Dauerertrag)

 

Die Nutzungsrate nach MSY ist nicht identisch mit der fischereilichen Sterblichkeit, erstere gibt das Verhältnis von entnommener zu fischbarer Biomasse in Prozent an.

Bestands­entwicklung

Vor Beginn des 20sten Jahrhunderts war Dornhai von geringer fischereilicher Bedeutung. In der ersten Hälfte des 20sten Jahrhunderts wurde er als Lieferant von Lebertran und für die menschliche Ernährung immer wertvoller und immer stärker auch gezielt befischt. In den 1960ern wurden über 60.000 t im Jahr angelandet. Seither nahmen die Anlandungen, Nachwuchsproduktion und Biomasse kontinuierlich ab, die Biomasse hat sich aber in den letzten Jahren auf sehr niedrigem Niveau stabilisiert. Die Nutzungsrate scheint in den letzten Jahren unter den Referenzwert nach dem Konzept des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages (NRmsy) gesunken zu sein. [565] [566]

Ausblick

Trotz Schließung der gerichteten Fischerei wird die Erholung des Bestandes aufgrund der Langlebigkeit der Tiere und ihrer besonderen Fortpflanzungsbiologie sowie des Mangels an reifen Weibchen wahrscheinlich viele Jahre dauern. [133] [565]

Umwelt­einflüsse auf den Bestand

Das Wanderverhalten von Dornhaien ist wahrscheinlich stark mit der Wassertemperatur korreliert. Die bevorzugte Temperatur liegt zwischen 7 und 15°C und es werden horizontale und vertikale Wanderungen unternommen, um in diesem Temperaturbereich zu bleiben. In den letzten Jahren ist ein vermehrtes Auftreten in norwegischen Gewässern beobachtet worden. Möglicherweise sind gute Nahrungsverfügbarkeit und günstige Umweltbedingungen die Ursache. [175] [566]

Wer und Wie

Es gibt keinen Managementplan für Dornhai im Nordostatlantik. Die Bewirtschaftung erfolgt durch die Küstenstaaten (Europäische Union, Norwegen, Island und die Färöer Inseln) über eigene Bewirtschaftungsregeln. Für EU-Schiffe gilt die entsprechende Verordnung in EU- und internationalen Gewässern; die Anlandung von Dornhai ist seit 2011 untersagt. Ungewollt gefangene Exemplaren sollen danach vorsichtig und umgehend zurück gesetzt werden. Für norwegische Schiffe ist die gerichtete Fischerei auf Dornhai verboten, tote oder sterbende Dornhaie müssen aber angelandet werden (Mindestanlandelänge: 70 cm). Auch in Island stammen die aktuellen Anlandungen nur aus Beifängen. Seit 2003 ist in europäischen Gewässern das „Finning“ verboten, bei dem die Haifischflossen abgetrennt und der Hai wieder ins Meer zurückgeworfen wird. Bisher können Ausnahmegenehmigungen erteilt werden, die EU-Kommission hat aber 2011 ein völliges Finning-Verbot vorgeschlagen. Im Februar 2009 wurde der Aktionsplan der Europäischen Gemeinschaft für die Erhaltung und Bewirtschaftung der Haibestände verabschiedet. Die Nordostatlantische Fischereikommission (NEAFC) empfiehlt in internationalen Gewässern ein Verbot der gerichteten Dornhaifischerei, das Zurücksetzen gefangener Tiere und die Weitergabe aller Rückwurf-Daten an den ICES. [31] [135] [136] [565] [567] [568] [Fischereidirektorat Norwegen, persönliche Mitteilung, April 2011]

Differenz zwischen Wissen­schaft und Management

Ab 1999 wurden gesetzliche Höchstfangemengen (TACs) für Dornhai festgelegt, allerdings bis einschließlich 2006 nur für Nordsee (IV) und Norwegische See (IIa). Die Gesamtanlandungen aus allen Gebieten lagen immer weit darüber. Der ICES empfiehlt seit seiner ersten Fangempfehlung für diesen Bestand für 2006 die Schließung der gerichteten Fischerei, Minimierung der Beifänge und Ausweitung des TACs auf alle Gebiete, in denen Dornhai gefangen wird. Diesen Empfehlungen wurde jedoch nur schrittweise gefolgt. Erst 2007 wurden Höchstfangmengen für alle Gebiete festgelegt und in Nordsee und Norwegischer See als Beifangquote deklariert. Für 2008 wurden die weiter reduzierten TACs für alle Gebiete als Beifangquoten ausgewiesen. 2009 gab es wieder reguläre Höchstfangmengen, und es wurde der aktuellen ICES-Empfehlung gefolgt, eine Höchstanlandelänge von 100 cm festzulegen, um reife Weibchen zu schützen. Die TACs 2010 wurden auf Null reduziert, allerdings waren noch immer Beifänge von bis zu 10% der Vorjahresquote erlaubt. Für 2011 und 2012 ist die EU der Empfehlung des ICES gefolgt und hat alle Anlandungen dieser Art untersagt (ohne weitere Beifangerlaubnis). [380] [565] [566]

Karten

Verbreitungsgebiet

Managementgebiet

Der ICES betrachtet den Dornhai von der Barentssee bis in die Biscaya als einen gemeinsamen Bestand. Fänge vor der spanischen Küste (ICES Gebiet IX) gehören möglicherweise ebenfalls zum Nordostatlantischen Bestand, werden hier aber vermehrt mit anderen Arten vermischt. Beziehungen zu den Populationen im Mittelmeer sind unklar. [566]

Anlandungen und TACs (in 1.000 t)

Gesamtfang2011: 0,58; davon 43% von Norwegen als Beifang in Kiemennetzen, mit Langleinen und in Schleppnetzen
TACs 2006: 1,05 (nur IIa, IV)  2007: 3,7 (teilweise Beifangquote)  
2008: 2,6 (Beifangquote)   2009: 1,4   2010: 0,142  (10% Beifang 
von 2009er Quote)   2011: 0    2012: 0  (EU und int. Gewässer) [380] 
[565] [566]

IUU-Fischerei

Es gibt keine Hinweise auf illegale oder unberichtete Fänge von Dornhai im Nordostatlantik. Die Anlandedaten der Vergangenheit sind wahrscheinlich durch erhebliche falsch berichtete Fänge sehr unsicher. [177] [566]

Struktur und Fangmethode

Dornhai wurde im Nordostatlantik früher in einer gerichteten Fischerei sowie als Beifang in einer gemischten Schleppnetzfischerei gefangen. Die Fischerei hat sich in den letzten Jahren aber sehr verändert. Die restriktiven Quoten, eine maximale Anlandelänge und Beifangregularien haben dafür gesorgt, dass die gerichtete Fischerei stark abgenommen hat bzw. später eingestellt wurde. Die Anlandungen der letzten beiden Jahre sind Beifänge aus der Schleppnetz- und Kiemennetz-Fischerei. Die stärkste Reduzierung von Anlandungen ist in den Keltischen Meeren (ICES Gebiete VI und VII), die traditionell die Hauptfanggebiete waren, zu verzeichnen. Die Anlandungen 2011 wurden vorwiegend von Norwegen (aus Gebieten IIa, IIIa und IVa), Frankreich (VIId-e) und den Färöer-Inseln (V) getätigt. [565] [566]

Beifänge und Rückwürfe

Da es keine gerichtete Fischerei auf Dornhai mehr gibt, ist Dornhai selbst nur Beifang. Seit 2011 müssen alle Fänge soweit möglich unverzüglich und unversehrt ausgesetzt werden. In Norwegen hingegen müssen alle Beifänge angelandet werden, die nicht unverzüglich lebend wieder ausgesetzt werden können. Dornhaie sind relativ robuste Tiere und es gibt eine vergleichsweise hohe Überlebenschance für Rückwürfe. Die Überlebensrate hängt vom Fanggeschirr, der Größe des Fanges und der Holdauer ab. Bei Fangmengen ≥ 200 kg steigt die Sterblichkeit der Rückwürfe. Es gibt Hinweise, dass mit den restriktiven (2010) bzw. entfallenen (2011 und 2012) Höchstfangmengen die Rückwurfmengen gestiegen sind. Die Rückwurf- und Überlebensraten sind jedoch sehr unsicher. [120] [301] [380] [565] [566] [Fischerei Direktorat Norwegen, persönliche Mitteilung, April 2011]

Einflüsse der Fischerei auf die Umwelt

Da Dornhai nicht direkt befischt wird, und es auch keine Beifangquote mehr gibt, können im Moment keine Einflüsse einer Dornhai-Fischerei auf die Umwelt festgestellt werden. [565]

Biologische Besonder­heiten

Dornhaie sind langlebige, langsam wachsende Tiere, die spät geschlechtsreif werden, lange Tragezeiten von etwa 2 Jahren und nur wenige Nachkommen haben. Das macht sie besonders anfällig für Überfischung.
Die Neigung zur Schwarmbildung (getrennt nach Größe und bei reifen Tieren nach Geschlecht) führt zu einer zusätzlichen Gefährdung. Ansammlungen großer Fische, wie z.B. reifer Weibchen sind besonders leicht zu fangen. [133] [179] [229] [565]

Zusätzliche Informationen

Der Dornhai im Nordostatlantik wird von der IUCN als vom Aussterben bedroht (CR) eingestuft (Zugriff am 13. Nov. 2012). Es gibt begründeten Zweifel, ob die Listung der IUCN für kommerziell genutzte Fischbestände sinnvoll und aussagekräftig ist. Hauptfangnationen waren traditionell Frankreich, Irland, Norwegen und das Vereinigte Königreich. Hauptfanggebiete waren immer die Nordsee, die Keltischen Meere und teilweise die Norwegische See.
Nachdem der Bestand im Nordostatlantik zusammengebrochen ist, wurden zunächst im Nordwestatlantik und später in Neuseeland steigende Fangzahlen verzeichnet. [14] [229] [384] [566]

Zertifizierte Fischereien

Es ist keine Dornhaifischerei im Nordostatlantik nach einem der gängigen Nachhaltigkeitsstandards zertifiziert.

Soziale Aspekte

Dornhai wird mit mittleren und großen Fahrzeugen verschiedener Anrainerstaaten gefangen. Die Fahrzeuge fahren unter den Flaggen der Anrainerstaaten, die Arbeitsbedingungen an Bord und die Entlohnung erfolgt daher nach deren Regeln. [13]

AutorJahrTitelQuelle
[13]Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) Homepageble.de
[14]Fisch-Informationszentrum e.V. (FIZ)Fisch-Informationszentrum e.V. Homepagefischinfo.de
[31]Ministry of Industries and Innovation, IcelandInformationsseite des isländischen Ministeriums für Industrie und Innovation (Ministry of Industries and Innovation)fish.is
[120]Mandelman JW, Farrington MA2007The estimated short-term discard mortality of a trawled elasmobranch, the spiny dogfish (Squalus acanthias) Fisheries Research 83 238–245
[133]OSPAR Commission2010Background document for spurdog or spiny dogfish Squalus acanthiasospar.org
[135]Europäische Union2003Verordnung (EG) Nr. 1185/2003 des Rates vom 26. Juni 2003 über das Abtrennen von Haifischflossen an Bord von Schiffeneuropa.eu
[136]Kommission der europäischen Gemeinschaften2009Mitteilung der Kommission an das europäische Parlament und den Rat über einen Aktionsplan der Europäischen Gemeinschaft für die Erhaltung und Bewirtschaftung der Haibestände. Brüssel, den 5.2.2009 KOM(2009)40 endgültigeuropa.eu
[175]Compagno LJV1984FAO Species Catalogue. Vol. 4. Sharks of the world. An annotated and illustrated catalogue of shark species known to date. Part 1 Hexanchiformes to Lamniformes. FAO Fish. Synop. 125 (4/1):1-249
[177]Lack M, Sant G2008Illegal, unreported and unregulated shark catch: A review of current knowledge and action Department of the Environment, Water, Heritage and the Arts and TRAFFIC, Canberra
[179]Anonymus2009CITES Proposal: Inclusion of Squalus acanthias Linnaeus, 1758 in Appendix II in accordance with Article II 2(a) and (b). Fifteenth meeting of the Conference of the Parties, Doha (Qatar), 13-25 March 2010CITES.org
[229]Froese, R. and D. Pauly. Editors.2011FishBase. World Wide Web electronic publication.
www.fishbase.org, version (06/2011).
fishbase
[301]Directorate of fisheries, NorwegenRegulations relating to seawater fisheriesfiskeridir.no
[380]Europäische Union2012Verordnung (EU) Nr. 44/2012 des Rates vom 17. Januar 2012 zur Festsetzung der Fangmöglichkeiten im Jahr 2012 in EU-Gewässern und für EU-Schiffe in bestimmten Nicht-EU-Gewässern für bestimmte, über internationale Verhandlungen und Übereinkünfte regulierte Fischbestände und Bestandsgruppeneuropa.eu
[384]IUCNIUCN Red List of Threatened Species. Version 2011.2. Downloaded on 09 February 2012iucnredlist.org
[565]ICES2012Report of the Advisory Committee, 2012. Book 9. Widely Distributed and Migratory Stocks. 9.4.6. Spurdog (Squalus acanthias) in the Northeast Atlanticices.dk
[566]ICES2012Report of the Working Group on Elasmobranch Fishes (WGEF), 19–26 June 2011, Lisbon, Portugal. ICES CM 2012/ACOM:20, 2. 2 Spurdog in the Northeast Atlanticices.dk
[567]Europäische Kommission2012Pressemitteilung, 21.11.2011, Fischerei: Kommission schlägt völliges Verbot des Abtrennens von Haifischflossen an Bord voreuropa.eu
[568]North-East Atlantic Fisheries Commission (NEAFC)2012Rec 5: 2012: Management measures for spurdogs for 2012neafc.org