Bestandsdatenblatt

Nordost-Arktischer Seelachs

Gültig 06/2013 - 06/2014

Nordost-Arktischer Seelachs

gültig 06/2013 - 06/2014

Zugehörige Fischart

Seelachs

Allgemeine Informationen


Ökoregion:Barentsmeer (Nordost-Arktis), Norwegische See
Fanggebiet:Nordost-Arktis und Norw. See (1, 2.ab) FAO 27
Art:Pollachius virens

Wissenschaftliche Begutachtung

Internationaler Rat für Meeresforschung (ICES), Kopenhagen, www.ices.dk

Methode, Frequenz

Jährliche analytische Bestandsberechnung mit Vorhersage unter Verwendung von Anlandedaten und einer wissenschaftlichen Forschungsreise. Alle 4 Referenzwerte nach dem Vorsorgeansatz (Fpa, Flim, Bpa, Blim) sind definiert. Referenzwerte nach dem Konzept des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages sind nicht festgelegt. Seit 2013 gibt es wegen widersprüchlicher Ergebnisse keine akzeptierte Bestandsberechnung. [37] [659] [680]

Wesentliche Punkte

2012 wurde deutlich, dass die Eingangsdaten für die Berechnung des Bestandes widersprüchliche Trends aufzeigen. 2013 wurden zwei verschiedene Berechnungen vorgenommen, die zu unterschiedlichen Ergebnissen bezüglich Laicherbiomasse (SSB) und fischereilicher Sterblichkeit (F) geführt haben. Es konnte daher keine Bestandsberechnung akzeptiert werden, SSB und F müssen als unbekannt klassifiziert werden. Die Laicherbiomasse liegt wahrscheinliche nahe am Grenzwert und die fischereiliche Sterblichkeit nahe am Zielwert des Managementplanes. [680]

Bestands­zustand

Laicherbiomasse (Reproduktionskapazität)

  unbekannt (nach Vorsorgeansatz)

  unbekannt (nach Managementplan)

  unbekannt (nach höchstem Dauerertrag)

 

Fischereiliche Sterblichkeit

  unbekannt (nach Vorsorgeansatz)

  unbekannt (nach Managementplan)

  unbekannt (nach höchstem Dauerertrag)

 

Bestands­entwicklung

Die Anlandungen von nordostarktischem Seelachs erreichten 1970-76 Maximalwerte von über einer viertel Million Tonnen (1970). Die fischereiliche Sterblichkeit (F) war zwischen 1974 und 1995 sehr hoch, lag dann deutlich unter dem Vorsorgereferenzwert, steigt jedoch seit 2005 an. Die Laicherbiomasse sank Mitte der 1980er Jahre unter den Limitreferenzpunkt (Blim). Ab Mitte der 1990er stieg sie wieder an und lag seit 1995 über den Referenzwerten des Vorsorgeansatzes (Bpa) und des Managementplanes (Bmgmt). Seit 2005 ist eine erneute Abnahme zu verzeichnen und 2013 liegt die Laicherbiomasse wahrscheinlich nahe am Grenzwert des Managementplanes. Für 2013 konnte jedoch keine verlässliche Bestandsberechnung durchgeführt werden, aktuelle Zahlen liegen daher nicht vor. [37] [659] [680]

Ausblick

Die Laicherbiomasse wird bei gleichbleibender Entnahme wahrscheinlich relativ stabil bleiben. Die Fangmengen werden daher wie im Vorjahr aus Vorsorgegründen um maximal 15% reduziert werden. Eine stärkere Reduzierung ist nötig wenn die Laicherbiomasse unter den Grenzwert des Managementplanes fällt. [659] [680]

Umwelt­einflüsse auf den Bestand

Das Verbreitungs- und Wandermuster von nordostarktischem Seelachs variiert, die Veränderungen konnten aber bisher nicht direkt bestimmten Umwelteinflüssen zugeordnet werden. [680]

Wer und Wie

Seelachs in der Nordostarktis wird vom Norwegischen Ministerium für Fischerei und Küstenangelegenheiten bewirtschaftet. Seit Herbst 2007 gibt es einen Managementplan (Harvest control rule), der vom ICES als im Einklang mit dem Vorsorgeansatz bewertet wurde. Der Zielwert für die fischereiliche Sterblichkeit entspricht dem Referenzwert nach Vorsorgeansatz (F= 0,35) und Veränderungen der zulässigen Höchstfangmenge werden auf ±15% begrenzt. Der Plan ist Basis für die Fangempfehlung. Russland legt eine eigene Quote für seine ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ) fest. Neben den Höchstfangmengen wird die Fischerei durch Mindestfanggrößen, Festlegung minimaler Maschenweiten, Sortiereinrichtungen, die maximal zulässige Menge von juvenilen Fischen als Beifang, Echtzeitschließungen, Gebietsbeschränkungen und saisonale Schließungen reguliert. [37] [39] [659] [680]

Differenz zwischen Wissen­schaft und Management

Die Empfehlungen des ICES beziehen sich auf die gesamten Fänge aus dem Bestand. Seit Inkrafttreten des Managementplanes stimmen die wissenschaftlichen Empfehlungen und die Entscheidung des norwegischen Managements über die Höchstfangmengen generell überein. Die Fänge in der russischen AWZ sind hier jedoch noch nicht enthalten (zusätzlich etwa 5%). 2013 hat das norwegische Institut für Meeresforschung (IMR) empfohlen, die Höchstfangmenge (TAC) unterhalb der ICES-Empfehlung festzulegen, um den Unsicherheiten in der Bestandsberechnung gerecht zu werden. Der TAC wurde daraufhin, entsprechend den Vorgaben des Managementplans, um die maximal möglichen 15% reduziert. Er lag somit auch 15% unter der ICES-Empfehlung. Da 2013 keine Bestandsberechnung akzeptiert wurde, basiert die Empfehlung des ICES für 2014 auf der Annahme einer stabilen Laicherbiomasse und entspricht dem 2013er TAC. Das IMR empfiehlt allerdings erneut eine Reduzierung, um die Wahrscheinlichkeit einer nachhaltigen Nutzung zu erhöhen und eine gute Reproduktionskapazität zu gewährleisten. [37] [659] [680]

Karten

Verbreitungsgebiet

Managementgebiet

Verbreitungs- und Managementgebiete decken sich. Der Bestand ist hauptsächlich entlang der norwegischen Küste, von der Kola-Halbinsel im Nordosten bis zur Halbinsel Stad im Süden (etwa 62°N) verbreitet. Die südliche Grenze dient eher Managementaspekten, als das sie eine natürliche Begrenzung des Bestandes ist, der auch Wanderungen in die Nordsee und nach Island unternehmen kann. Russland legt für seine AWZ eine eigene kleine Quote fest. [659] [680]

Anlandungen und TACs (in 1.000 t)

GesamtfangAnlandungen 2012: 160,9 davon Schleppnetze 46%, Ringwaden 27%, Kiemennetze 18%, andere 9%
TACs (ohne Russland-AWZ)2007: 222,5 2008: unter 247 2009: 225 2010: 204 2011: 173 2012: 164 2013: 140 [37] [680]

IUU-Fischerei

Es gibt keine Hinweise auf unberichtete oder illegale Fänge von Nordostarktischem Seelachs. [39] [680]

Struktur und Fangmethode

90 % der Seelachs-Anlandungen werden von der norwegischen Flotte getätigt. Über den Tausch von Quoten erhalten weitere Länder Fischereirechte auf diesen Bestand. Die Fischerei mit Kiemennetzen ist im Winter am aktivsten, wohingegen im Sommer mehr mit Ringwaden gefischt wird. Ringwadenfischerei wird vor allem vor der Küste und in den Fjorden durchgeführt. Schleppnetze werden ganzjährig eingesetzt. Andere Nationen setzen vor allem Grundschleppnetze ein. [39] [659] [680]

Beifänge und Rückwürfe

Rückwurfe von quotierten Arten sind in Norwegen verboten, können jedoch vorkommen, vor allem wenn Fischereien auf andere Zielarten (wie z.B. Kabeljau) keine Seelachsquote besitzen oder die vorhandene bereits ausgeschöpft ist. Auch „slipping“ (Verwerfen des gesamten Fanges) kommt gelegentlich vor, z.B. wenn zu viele untermaßige Fische im Fang enthalten sind. Da junge Seelachse eher küstennah verbreitet sind, sind sie für die meisten Fischereien aber kaum erreichbar. Wenn zu viele untermaßige Fische in den Fängen vorkommen (mehr als 15%), werden einzelne Gebiete zeitnah für die Fischerei geschlossen. Es gibt keine gesicherten Zahlen über Seelachs-Rückwürfe, sie werden aber als sehr gering angenommen. In einigen Fischereien kommt es zu Beifang von Küsten-Kabeljau und Goldbarsch. Der Beifang nicht kommerziell genutzter Arten ist gering (hauptsächlich Klieschen, Haie und Rochen). Auch Meeressäuger und Vögel werden selten beigefangen. [39] [659] [680]

Einflüsse der Fischerei auf die Umwelt

Durch den Einsatz von Grundschleppnetzen können Bodenlebensgemeinschaften geschädigt werden. Einen negativen Effekt hat dieses Gerät auf die Fauna des Hartbodens, hier hat als Folge des Einsatzes von Grundschleppnetzen die Häufigkeit von z.B. Schwämmen und Kaltwasser-Korallen abgenommen. Beim Seelachsfang können die Netze allerdings fast ohne Grundberührung eingesetzt werden. Außerdem sind empfindliche Bodenlebewesen-Gemeinschaften, die vor allem auf Hartsubstrat vorkommen, im Barentsmeer weitgehend auf die Randbereiche beschränkt (z.B. Seetangwälder an der Norwegischen und Svalbard-Küste). In einigen Gebieten ist zum Schutz von Kaltwasser-Korallen der Einsatz von Grundschleppnetzen verboten. Ringwaden haben keinen Einfluss auf den Meeresboden, da sie ihn in der Regel nicht berühren. Verlorengegangene Geräte wie Kiemennetze können für eine gewisse Zeit weiterfischen (ghost fishing). Der Einfluss des „ghost fishing“ ist jedoch noch nicht quantifiziert worden. [7] [8] [30] [39] [83] [178] [507]

Biologische Besonder­heiten

Seelachs unternimmt Wanderungen zu Fraß- und Laichgebieten. Markierungsexperimente ergaben auch weite Wanderungen zwischen Beständen, z.B. von jungen Tieren in die Nordsee und von älteren Tieren nach Island und zu den Färöer Inseln. Der nordostarktische Seelachs wird mit etwa 5-7 Jahren geschlechtsreif. Hauptlaichgründe liegen zwischen den Lofoten und der Nordsee, wo im Februar bei Wassertemperaturen von 6-10°C gelaicht wird. Die Larven driften nach Norden, wachsen küstennah in den Fjorden auf und wandern mit 2 bis 4 Jahren in offeneres Wasser vor der norwegischen Küste. [39] [659] [680]

Zusätzliche Informationen

Dieser Bestand ist ein wichtiger Räuber junger Heringe, Schellfische und Stintdorsche. [680]

Zertifizierte Fischereien

Die gesamte nordostarktische Seelachsfischerei Norwegens ist nachhaltigkeitszertifiziert nach den Standards des Marine Stewardship Council (MSC), und somit etwa 90% der Gesamtfangmenge. Drei internationale Fischereien sind ebenfalls MSC-zertifiziert, eine weitere Fischerei befindet sich im Bewertungsverfahren. [4]

Soziale Aspekte

Die Fischerei auf nordostarktischen Seelachs wird hauptsächlich von norwegischen Schiffen betrieben. Ein kleiner Teil entfällt auf andere Nationen. Die Arbeitsbedingungen an Bord und die Entlohnung erfolgen nach den jeweiligen Landesregeln. [13] [39]

AutorJahrTitelQuelle
[4]Marine Stewardship Council (MSC)Fisch und Meeresfrüchte aus zertifiziert nachhaltiger Fischereimsc.org
[7]Kaiser MJ, Ramsay K, Ramsay K, Richardson CA, Spence FE, Brand AR2000Chronic fishing disturbance has changed shelf sea benthic community structure Journal of Animal Ecology 69:494-503
[8]Hiddink JG, Jennings S, Kaiser MJ, Queirós AM, Duplisea DE, Piet GJ2006Cumulative impacts of seabed trawl disturbance on benthic biomass, production, and species richness in different habitats Canadian Journal of Fisheries and Aquatic Sciences 63:721-736
[13]Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) Homepageble.de
[14]Fisch-Informationszentrum e.V. (FIZ)Fisch-Informationszentrum e.V. Homepagefischinfo.de
[30]Food and Agriculture Organization (FAO)FAO. © 2003-2010. Fisheries Topics: Technology. Fish capture technology. In: FAO Fisheries and Aquaculture Department [online]. Rome. Updated 2006 15 09.[Cited 10 June 2010]fao.org
[37]Havforskningsinstituttet, NorwegenOnline Portal des Havforskningsinstituttet (Institut für Meeresforschung), Norwegenimr.no
[39]Fischereiverwaltung, NorwegenOnline Portal des Fiskeridirektoratet (Fischereiverwaltung), Norwegenfiskeridir.no
[83]Fossa JH, Mortensen PB, Furevik DM2002The deep-water coral Lophelia pertusa in Norwegian waters: distribution and fishery impacts Hydrobiologia 471:1-12
[178]FAO Food and Agriculture Organization2005FAO. © 2005-2011. World inventory of fisheries. Ghost fishing. Issues Fact Sheets. Text by Andrew Smith. In: FAO Fisheries and Aquaculture Department [online]. Rome. Updated 27 May 2005. [Cited 10 March 2011].fao.org
[507]ICES2009Report of the Advisory Committee 2009, Book 3. The Barents Sea and the Norwegian Sea. Human impacts on the ecosystemices.dk
[659]ICES2013Report of the Arctic Fisheries Working Group (AFWG), 18 - 24 April 2013, ICES Headquarters, Copenhagen. ICES CM 2013/ACOM:05. 726 ppices.dk
[680]ICES2013Report of the Advisory Committee 2013, Book 3. The Barents Sea and the Norwegian Sea. 3.4.8. Saithe in Subareas I and II (Northeast Arctic)ices.dk