Bestandsdatenblatt

Nordost-Arktischer Seelachs

Gültig 06/2018 - 06/2019

Nordost-Arktischer Seelachs

gültig 06/2018 - 06/2019

Zugehörige Fischart

Seelachs

Allgemeine Informationen


Ökoregion:Barentsmeer (Nordost-Arktis), Norwegische See
Fanggebiet:Nordost-Arktis und Norw. See (1, 2.ab) FAO 27
Art:Pollachius virens

Wissenschaftliche Begutachtung

Internationaler Rat für Meeresforschung (ICES), Kopenhagen, www.ices.dk

Methode, Frequenz

Jährliche analytische Bestandsberechnung mit Vorhersage unter Verwendung von Anlandedaten und einer wissenschaftlichen Forschungsreise. Alle 4 Referenzwerte nach dem Vorsorgeansatz (Fpa, Flim, Bpa, Blim) sind definiert. Referenzwerte nach dem Konzept des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages sind nicht festgelegt. [1106] [1109]

Wesentliche Punkte

2018: Der Bestand liegt weiterhin vollständig und weit im grünen Bereich. Die Laicherbiomasse und der Fischereidruck bleiben stabil. [1106] [1109]

Bestands­zustand

Laicherbiomasse (Reproduktionskapazität)

  volle Reproduktionskapazität (nach Vorsorgeansatz)

  über dem Grenzwert (nach Managementplan)

  Referenzwerte nicht definiert (nach höchstem Dauerertrag)

 

Fischereiliche Sterblichkeit

  nachhaltig bewirtschaftet (nach Vorsorgeansatz)

  innerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwert (nach Managementplan)

  Referenzwerte nicht definiert (nach höchstem Dauerertrag)

 

Bestands­entwicklung

Die Anlandungen von nordostarktischem Seelachs erreichten 1970-76 Maximalwerte, 1970 und 1974 waren es über 250.000 Tonnen. Die fischereiliche Sterblichkeit (F) war zwischen 1974 und 1995 sehr hoch, konnte dann aber deutlich unter den Vorsorgereferenzwert (Fpa) reduziert werden. Zwischen 2005 und 2011 stieg die Sterblichkeit wieder an, lag 2010 und 2011 über Fpa, konnte aber erneut reduziert werden und liegt nun wieder unter allen Referenzwerten. Die Laicherbiomasse sank Mitte der 1980er Jahre unter den Limitreferenzpunkt (Blim). Ab Mitte der 1990er stieg sie wieder an und liegt seit 1996 über den Referenzwerten des Vorsorgeansatzes (Bpa) und des Managementplanes (Bmgmt). Mit dem ab 2005 wieder gestiegenen Fischereidruck nahm die Laicherbiomasse zwar erneut ab, blieb aber über allen Referenzwerten, stieg ab 2012 wieder an und zeigt 2018 eine leichte Abnahme. Die Nachwuchsproduktion liegt seit 2005 nah am Langzeitmittel. [37] [1106] [1109]

Ausblick

Die Fänge müssen reduziert werden, damit die Laicherbiomasse nicht zu stark sinkt. In den Folgejahren können sie dann voraussichtlich stabil bleiben. [1106] [1109]

Umwelt­einflüsse auf den Bestand

Das Verbreitungs- und Wandermuster von nordostarktischem Seelachs variiert, die Veränderungen konnten aber bisher nicht direkt bestimmten Umwelteinflüssen zugeordnet werden. Die Nachwuchsproduktion sinkt in Jahren mit geringerem Einstrom von Atlantikwasser. [1106] [1109]

Wer und Wie

Seelachs in der Nordostarktis wird vor allem vom Norwegischen Ministerium für Handel, Industrie und Fischerei bewirtschaftet. Seit Herbst 2007 gibt es einen Managementplan (Harvest control rule), der vom ICES als im Einklang mit dem Vorsorgeansatz bewertet wurde. Veränderungen der zulässigen Höchstfangmenge werden auf ±15% begrenzt. 2013 wurde der Zielwert für die fischereiliche Sterblichkeit reduziert und liegt nun unter dem des Vorsorgeansatzes (Ftgt = 0,32). Der Plan ist Basis für die Fangempfehlung. Russland legt eine eigene Quote für seine ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ) fest. Neben den Höchstfangmengen wird die Fischerei durch Mindestfanggrößen, Festlegung minimaler Maschenöffnungen, Sortiereinrichtungen, die maximal zulässige Menge von juvenilen Fischen als Beifang, Echtzeitschließungen, Gebietsbeschränkungen und saisonale Schließungen reguliert. [37] [39] [81] [1106] [1109]

Differenz zwischen Wissen­schaft und Management

Die Empfehlungen des ICES beziehen sich auf alle Fänge aus dem Bestand. Seit Inkrafttreten des Managementplanes stimmen die wissenschaftlichen Empfehlungen und die Entscheidung des norwegischen Managements über die Höchstfangmengen generell überein. Die Fänge in der russischen AWZ sind hier jedoch nicht enthalten. 2013 und 2014 hat das norwegische Institut für Meeresforschung (Havforskningsinstituttet) empfohlen, die Höchstfangmenge unterhalb der ICES-Empfehlung festzulegen, um den Unsicherheiten in der Bestandsberechnung Rechnung zu tragen, die Wahrscheinlichkeit einer nachhaltigen Nutzung zu erhöhen und eine gute Reproduktionskapazität zu gewährleisten. Dieser Empfehlung wurde Folge geleistet: Die Fangmenge wurde jeweils um die nach Managementplan maximal möglichen 15% reduziert. Sie lag somit auch 15% unter der ICES-Empfehlung. Seit 2015 wird die Quote wieder gemäß der ICES Empfehlung festgelegt. Die Fangmengen liegen seit Jahren im Rahmen der norwegischen Quote, sogar inklusive der russischen Fänge. Nur 2014 und 2015 war die Summe aller Fänge etwas höher als die norwegische Quote und lag somit über der wissenschaftlichen Empfehlung. Die Wissenschaft empfiehlt außerdem, die Beifänge von Goldbarsch und Küsten-Kabeljau, die sich in schlechtem Zustand befinden, möglichst gering zu halten. [37] [39] [81] [1106] [1109]

Karten

Verbreitungsgebiet

Managementgebiet

Verbreitungs- und Managementgebiete decken sich. Der Bestand ist hauptsächlich entlang der norwegischen Küste, von der Kola-Halbinsel im Nordosten bis zur Halbinsel Stad im Süden (etwa 62°N) verbreitet. Die südliche Grenze dient eher Managementaspekten, als dass sie eine natürliche Begrenzung des Bestandes ist, der auch Wanderungen in die Nordsee und nach Island unternehmen kann. Russland legt für seine ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ) eine eigene kleine Quote fest. [1106] [1109]

Anlandungen und TACs (in 1.000 t)

GesamtfangAnlandungen 2017: 146,2 davon Schleppnetze 44%, Ringwaden 22%, Kiemennetze 15%, andere 19%
TACs (ohne Russland-AWZ)2008: unter 247 2009: 225 2010: 204 2011: 173 2012: 164 2013: 140 2014: 119 2015: 122 2016: 140 2017: 150 2018: 172,5 [39] [1106] [1109]

IUU-Fischerei

Es gibt keine Hinweise auf unberichtete oder illegale Fänge von Nordostarktischem Seelachs. [1106] [1109]

Struktur und Fangmethode

2017 wurden 87% der Seelachs-Anlandungen von der norwegischen Flotte getätigt. Über den Tausch von Quoten erhalten weitere Länder Fischereirechte auf diesen Bestand. Die Fischerei mit Kiemennetzen ist im Winter am aktivsten, im Sommer wird mehr mit Ringwaden gefischt. Ringwadenfischerei wird vor allem vor der Küste und in den Fjorden durchgeführt. Schleppnetze werden ganzjährig eingesetzt. [39] [1106] [1109]

Beifänge und Rückwürfe

Rückwurfe von quotierten Arten sind in Norwegen als auch in Russland verboten, können jedoch vorkommen, vor allem wenn Fischereien auf andere Zielarten (wie z.B. Kabeljau) keine Seelachsquote besitzen oder die vorhandene bereits ausgeschöpft ist. Auch „slipping“ (Verwerfen des gesamten Fanges) kommt in der Ringwadenfischerei gelegentlich vor, z.B. wenn zu viele untermaßige Fische im Fang enthalten sind. Da junge Seelachse eher küstennah verbreitet sind, sind sie für die meisten Fischereien aber kaum erreichbar. Wenn zu viele untermaßige Fische in den Fängen vorkommen (mehr als 15%), werden einzelne Gebiete zeitnah für die Fischerei geschlossen. Es gibt keine gesicherten Zahlen über Seelachs-Rückwürfe, sie werden aber als sehr gering angenommen. In einigen Fischereien kommt es zu Beifang von Küsten-Kabeljau und Goldbarsch. Diese können Aufgrund des schlechten Zustandes dieser Bestände problematisch sein. Der Beifang nicht kommerziell genutzter Arten ist gering (hauptsächlich Klieschen, Haie und Rochen). Auch Meeressäuger und Vögel werden selten beigefangen. [1106] [1109]

Einflüsse der Fischerei auf die Umwelt

Durch den Einsatz von Grundschleppnetzen können Bodenlebensgemeinschaften geschädigt werden. Sie fangen neben den Zielarten auch Arten, die nicht kommerziell genutzt werden und deren Entnahme einen Einfluss auf das Ökosystem haben kann. Beim Seelachsfang können die Netze jedoch fast ohne Grundberührung eingesetzt werden. In der Nordost-Arktis können Grundschleppnetze vor allem einen negativen Effekt auf empfindliche Bodenlebewesen-Gemeinschaften haben, die auf Hartsubstrat vorkommen. Besonders empfindlich sind Schwämme und Kaltwasser-Korallen. Die Kartierung der Kaltwasser-Riffe schreitet stetig voran, auch Fischer versuchen den Kontakt mit Riffen zu vermeiden, um ihr Gerät zu schonen. In einigen Gebieten ist zum Schutz dieser Riffe der Einsatz von Grundschleppnetzen verboten. Ringwaden haben keinen Einfluss auf den Meeresboden, da sie ihn in der Regel nicht berühren. Verlorengegangene Geräte wie Kiemennetze können für eine gewisse Zeit weiterfischen (ghost fishing). Der Einfluss des „ghost fishing“ ist jedoch noch nicht quantifiziert worden. Durch die Erwärmung der Arktis sind vormals unzugängliche Gebiete nun eisfrei und damit erstmals für die Fischerei erreichbar. Die EU und ihre arktischen Partner sind daher übereingekommen, eine unkontrollierte Fischerei auf hoher See in der Arktis zu verhindern. [7] [8] [30] [37] [39] [83] [178] [507] [1038]

Biologische Besonder­heiten

Seelachs unternimmt Wanderungen zu Fraß- und Laichgebieten. Markierungsexperimente ergaben auch weite Wanderungen zwischen Beständen, z.B. von jungen Tieren in die Nordsee und von älteren Tieren nach Island und zu den Färöer Inseln. Der nordostarktische Seelachs wird mit etwa 5-7 Jahren geschlechtsreif. Hauptlaichgründe liegen zwischen den Lofoten und der Nordsee, wo im Februar bei Wassertemperaturen von 6-10°C gelaicht wird. Die Larven driften nach Norden, wachsen küstennah in den Fjorden auf und wandern mit 2-4 Jahren in offeneres Wasser vor der norwegischen Küste. [37] [39] [1106] [1109]

Zusätzliche Informationen

Dieser Bestand ist ein wichtiger Räuber junger Heringe, Schellfische und Stintdorsche. [1106] [1109]

Soziale Aspekte

Die Fischerei auf nordostarktischen Seelachs wird hauptsächlich von norwegischen Schiffen betrieben. Ein kleiner Teil entfällt auf andere Nationen. Die Arbeitsbedingungen an Bord und die Entlohnung erfolgen nach den jeweiligen Landesregeln. [13] [39] [1106] [1109]

Marktdaten

2018 (vorl.): Verbrauch in Deutschland: 28.301 t (2017: 26.898 t), Marktanteil (Fische, Krebse, Weichtiere): 2,5% (2017: 2,3% ) [13] [14]

Anlandungen (in 1.000 t)Fänge (in 1.000 t)Laicherbiomasse (in 1.000 t)Laicherbiomasse ZustandFischereiliche SterblichkeitAnmerkungen (insbesondere Managementplan)Gültigkeit
Färöer (5.b) 30,6 30,6 66,9 - 06/2018 -
06/2019
Island (5.a) 49,1 - 232,9 Managementplan ab 2013 06/2018 -
06/2019
NE-Arktis (1, 2) 146,2 - 383,0 Harvest control rule ab 2007 06/2018 -
06/2019
Nordsee/westl. Schottlands (3.a, 4, 6) 86,8 94,8 228,1 neuer Managementplan ab 2018 06/2019 -
06/2020

Klassifizierung nach dem Ansatz des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages (MSY), durch den ICES oder analog zu dessen Einteilung:

SymbolBiomasseBewirtschaftung (fischereiliche Sterblichkeit)
innerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwertangemessen oder unternutzt
außerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwertübernutzt
Zustand unklar, Referenzpunkte nicht definiert und/oder unzureichende DatenZustand unklar, Referenzpunkte nicht definiert und/oder unzureichende Daten
AutorJahrTitelQuelle
[4]Marine Stewardship Council (MSC)Fisch und Meeresfrüchte aus zertifiziert nachhaltiger Fischereimsc.org
[7]Kaiser MJ, Ramsay K, Ramsay K, Richardson CA, Spence FE, Brand AR2000Chronic fishing disturbance has changed shelf sea benthic community structure Journal of Animal Ecology 69:494-503
[8]Hiddink JG, Jennings S, Kaiser MJ, Queirós AM, Duplisea DE, Piet GJ2006Cumulative impacts of seabed trawl disturbance on benthic biomass, production, and species richness in different habitats Canadian Journal of Fisheries and Aquatic Sciences 63:721-736
[13]Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) Homepageble.de
[14]Fisch-Informationszentrum e.V. (FIZ)Fisch-Informationszentrum e.V. Homepagefischinfo.de
[30]Food and Agriculture Organization (FAO)FAO. © 2003-2010. Fisheries Topics: Technology. Fish capture technology. In: FAO Fisheries and Aquaculture Department [online]. Rome. Updated 2006 15 09.[Cited 10 June 2010]fao.org
[37]Havforskningsinstituttet, NorwegenOnline Portal des Havforskningsinstituttet (Institut für Meeresforschung), Norwegenimr.no
[39]Fischereiverwaltung, NorwegenOnline Portal des Fiskeridirektoratet (Fischereiverwaltung), Norwegenfiskeridir.no
[81]Ministerium für Handel, Industrie und Fischerei, NorwegenOnline Portal des Nærings- og fiskeridepartementet (Ministerium für Handel, Industrie und Fischerei), Norwegenregjeringen.no
[83]Fossa JH, Mortensen PB, Furevik DM2002The deep-water coral Lophelia pertusa in Norwegian waters: distribution and fishery impacts Hydrobiologia 471:1-12
[178]FAO Food and Agriculture Organization2005FAO. © 2005-2011. World inventory of fisheries. Ghost fishing. Issues Fact Sheets. Text by Andrew Smith. In: FAO Fisheries and Aquaculture Department [online]. Rome. Updated 27 May 2005. [Cited 10 March 2011].fao.org
[507]ICES2009Report of the Advisory Committee 2009, Book 3. The Barents Sea and the Norwegian Sea. Human impacts on the ecosystemices.dk
[1038]Europäische Kommission2017EU and Arctic partners agree to prevent unregulated fishing in high seas, 01/12/2017europa.eu
[1106]ICES2018ICES Advice on fishing opportunities, catch, and effort, Arctic Ocean , Barents Sea , Faroes , Greenland Sea, Iceland Sea and Norwegian Sea Ecoregions, Saithe (Pollachius virens) in subareas 1 and 2 (Northeast Arctic), 2018ices.dk
[1109]ICES2018Report of the Arctic Fisheries Working Group (AFWG), 18–24 April, 2018, Ispra, Italy. ICES CM 2018/ACOM:06. 859 pp.ices.dk