Bestandsdatenblatt

Hering: Nordsee-Herbstlaicher

Gültig 05/2010 - 05/2011

Hering: Nordsee-Herbstlaicher

gültig 05/2010 - 05/2011

Zugehörige Fischart

Hering

Allgemeine Informationen


Ökoregion:Nordsee
Fanggebiet:Nordsee (4, 7.d), Skagerrak/Kattegat (20-21) FAO 27
Art:Clupea harengus

Wissenschaftliche Begutachtung

Internationaler Rat für Meeresforschung (ICES), Kopenhagen, www.ices.dk

Methode, Frequenz

Jährliche analytische Bestandsberechnung mit Vorhersage unter Verwendung fast vollständiger Fangdaten und fünf unabhängiger wissenschaftlicher Forschungsreisen, die alle Lebensstadien abdecken. Drei von vier Referenzwerten nach dem Vorsorgeansatz sind definiert, sie basieren auf der Biomasse-Nachwuchs-Relation. Die Referenzwerte nach dem Konzept des höchsten Dauerertrages sind vorläufig. Dies ist eine der zuverlässigsten Bestandsberechnungen für marine lebende Ressourcen weltweit. [65]

 

Wesentliche Punkte

2010: Die Fischereiliche Sterblichkeit sinkt 2009 erstmals unter den Zielwert des Managementplanes und die Laicherbiomasse steigt deutlich an, vor allem durch eine bessere Übereinstimmung der Fänge mit den gesetzlichen Höchstfangmengen (TACs). Die Rekrutierung bleibt jedoch wie in den letzten 8 Jahren schwach. [64] [66]

 

Bestands­zustand

Laicherbiomasse (Reproduktionskapazität)

  erhöhtes Risiko (nach Vorsorgeansatz)

 

  außerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwert (nach höchstem Dauerertrag)

 

Fischereiliche Sterblichkeit

  nachhaltig bewirtschaftet (nach Vorsorgeansatz)

  unter dem Grenzwert (nach Managementplan)

  angemessen (nach höchstem Dauerertrag)

 

Bestands­entwicklung

*Biomasse 2010: Vorhersage zur Laichzeit im Herbst
Der Bestand kollabierte in den 1970er Jahren als Folge einer nicht-nachhaltigen Fischerei. Nach der Schließung der Fischerei 1977 erholte er sich schnell, vor allem durch eine ausgezeichnete Nachwuchsproduktion. Mitte der 1990er Jahre wurde die Laicherbiomasse erneut, durch eine zu hohe Entnahme von Jungfischen in der Industriefischerei, deutlich reduziert. Die Abnahme der Laicherbiomasse nach 2004 ist verursacht durch die schlechte Nachwuchsproduktion seit 2002. Die Fischereiliche Sterblichkeit für erwachsene Tiere lag seit der Wiedereröffnung der Fischerei in den 1980ern deutlich über dem Referenzwert und deutlich über dem Zielwert nach diversen Managementplänen. Viele Jahre überstieg die entnommene Menge die gesetzlich festgesetzte Höchstfangmenge. [65] [66]

Ausblick

Die Fangmengen wurden in den vergangenen Jahren soweit reduziert, dass eine Erholung des Bestandes auch bei fortgesetzt schlechter Nachwuchsproduktion möglich erscheint. Schon im Herbst 2010 sollte der Bestand grösser als der Vorsorgeansatz-Referenzpunkt (Bpa) sein. Bei strikter Einhaltung des Managementplanes ist ein Anstieg der Fangmengen möglich.

 

Umwelt­einflüsse auf den Bestand

Seit 2002 produziert dieser Bestand nur noch schwache Nachwuchsjahrgänge. Die Langzeitreihe der Nachwuchsproduktion zeigt einen Zusammenhang mit großskaligen klimatischen Einflüssen wie der Nordostatlantischen Oszillation (NAO). Die Überlebensrate der Larven ist reduziert, was vermutlich mit einer Erwärmung des Wassers auf den Laichgründen und mit Veränderungen in der Hydrografie zusammenhängt, die wiederum die Nahrung der Larven und Erwachsenen beeinflussen. [64] [66] [67]

 

Wer und Wie

erfolgt gemeinsam durch die Europäische Union und Norwegen. Ein Managementplan (Harvest Control Rule) ist seit 1997 implementiert, die Höchstfangmengen wurden aber in den letzten Jahren nicht dieser Regel folgend festgesetzt. Ab 2009 wurde daher ein neuer Managementplan beschlossen, der vom ICES als in Übereinstimmung mit dem Vorsorgeansatz bewertet wurde. [65] [69]

 

Differenz zwischen Wissen­schaft und Management

Seit 2009 entspricht die festgesetzte Höchstfangmenge der wissenschaftlichen Empfehlung im Rahmen des neuen Managementplans. In den vier Jahren zuvor gab es erhebliche Differenzen zwischen wissenschaftlicher Empfehlung und den festgesetzten Höchstfangmengen, die TACs waren deutlich höher als empfohlen. [65]

 

Karten

Verbreitungsgebiet

Managementgebiet

Der Bestand ist in zwei verschiedenen Managementgebieten verbreitet: Der Nordsee und dem Skagerrak/Kattegat. In letzterem werden Nordsee-Herbstlaicher gemischt mit Frühjahrslaichern der Westlichen Ostsee gefangen. Menge und Anteil variieren und können nicht genau vorhergesagt werden. [65] [66]

 

Anlandungen und TACs (in 1.000 t)

Gesamtfang2009: 168,4 (Fänge aus dem Gesamtbestand, nicht nur aus der Nordsee); davon pelagische Schleppnetze XX%, Ringwaden XX%
TTACs (nur Nordsee)2007: 341  2008: 201  2009: 171  2010: 164 (nur für menschliche
Ernährung) [18] [65]

IUU-Fischerei

Im Jahr 2009 gab es offenbar keine falschberichteten Fänge. In den Vorjahren lag der Anteil illegaler Fänge bei ca. 10%. [65]

 

Struktur und Fangmethode

Nordseehering wird für die menschliche Ernährung und als Beifang in der Industriefischerei gefangen. Alle Nordsee-Anrainerstaaten unterhalten gerichtete Fischereien auf diesen Bestand, vor allem durch große pelagische Schleppnetze (Vollfrost-Trawler der südlichen Anrainer) oder Ringwaden und/oder pelagische Netze (nördliche Anrainer) für die menschliche Ernährung. Die Fischerei ist saisonal, im Frühling und Sommer in der zentralen und nördlichen, in Herbst und Winter in der südlichen Nordsee. [65]

 

Beifänge und Rückwürfe

Rückwürfe scheinen kein großes Problem zu sein (ca. 5% der Anlandungen), es gibt aber Hinweise auf den Rückwurf von marktfähiger Ware, wenn die Fangzusammensetzung nicht wie erwünscht ist (highgrading), insbesondere in der Fischerei für Matjes im späten Frühjahr. Ausserdem gibt es Beifänge vor allem von juvenilen Heringen in der Industriefischerei. In der gesamten Nordsee ist der Rückwurf von Hering seit 2009 verboten, wenn er legal angelandet werden könnte. In der nördlichen Nordsee kommt es in geringem Umfang zu Beifängen von Makrelen und Lachsnachwuchs. Weitere mögliche Beifänge in Schleppnetzen sind Meeressäuger, Seevögel und Haie. [63] [49] [66]

 

Einflüsse der Fischerei auf die Umwelt

Pelagische Schleppnetzfischerei und Ringwadenfischerei haben geringe Beifänge von Nichtzielarten und beeinflussen der Meeresboden nicht (weil sie ihn nicht berühren). [65] [66]

 

Biologische Besonder­heiten

Nordsee-Hering ist ein Schwarmfisch, der bis 20 Jahre alt werden kann. Über 90% der 3-jährigen Fische dieses Bestandes sind erwachsen. Die Tiere in diesem Gebiet laichen auf Kies in 4-5 klar umrissenen Gebieten im Herbst und Winter. Der Laichort determiniert die wesentlichen Bestandskomponenten (Shetland-Orkney, Banks, Buchan, Downs). Heranwachsende Tiere leben im östlichen Teil des Verbreitungsgebietes, im Kattegat und Skagerrak kommt es dabei zu einer Vermischung mit dem benachbarten Heringsbestand der westlichen Ostsee, was eine Fangvorhersage erheblich erschwert. Die sommerlichen Nahrungsgründe der erwachsenen Tiere befinden sich in der nördlichen Nordsee (Shetland und Orkney). [1] [65] [67] [68]

 

Zusätzliche Informationen

Hering ist eine der wissenschaftlich am besten untersuchten Fischarten. Trotzdem gibt es noch immer Wissenslücken. Schwankungen in den Überlebensraten während des ersten Jahres können noch immer nicht ausreichend genau erklärt werden. Für diesen Bestand wurde der erste komplexere Managementplan in der EU beschlossen (1996), der auch Beifänge in Fischereien mit anderen Zielarten berücksichtigt. Wirtschaftlich besonders wichtig ist die Fischerei auf fettreiche Fische im späten Frühjahr, die für die Matjesproduktion benötigt werden. Ein nicht unerheblicher Teil der Heringsfänge aus der Nordsee wird nach Russland und Übersee, und hier insbesondere nach Afrika, verkauft.
Das Laichgeschehen ist empfindlich gegen Kiesentnahme oder Ölverschmutzung auf den Laichplätzen. [14] [65] [66]

 

Soziale Aspekte

Die Heringsfischerei in der Nordsee wird überwiegend mit großen und größten Fahrzeugen durchgeführt. Die Fahrzeuge fahren unter den Flaggen der Nordsee-Anrainerstaaten, die Arbeitsbedingungen an Bord und die Entlohnung erfolgt daher nach deren Regeln. [13]

 

AutorJahrTitelQuelle
[1]Froese R, Pauly D2010FishBase. World Wide Web electronic publication, version (01/2010)fishbase.org
[4]Marine Stewardship Council (MSC)Fisch und Meeresfrüchte aus zertifiziert nachhaltiger Fischereimsc.org
[13]Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) Homepageble.de
[14]Fisch-Informationszentrum e.V. (FIZ)Fisch-Informationszentrum e.V. Homepagefischinfo.de
[18]Europäische Union (EU)2010Verordnung (EU) Nr. 219/2010 des Rates zur Änderung der Verordnung (EU) Nr. 53/2010 hinsichtlich der Fangmöglichkeiten für bestimmte Fischbestände und nach Abschluss der bilateralen Fischereivereinbarungen für 2010 mit Norwegen und den Färöerneuropa.eu
[49]Europäische Union (EU)2009Verordnung (EG) Nr. 1288/2009 des Rates zur Festlegung technischer Übergangsmaßnahmen für den Zeitraum vom 1. Januar 2010 bis zum 30. Juni 2011europa.eu
[63]Borges L, van Keeken, OA, van Helmond ATM, Couperus B, Dickey-Collas M, Borges AV2008What do pelagic freezer-trawlers discard? ICES Journal of Marine Science 65:605-611
[64]Payne MR, Hatfield EMC, Dickey-Collas M, Falkenhaug T, Gallego A, Groger J, Licandro P, Llope, M, Mun P, Rockmann C, Schmidt JO, Nash RDM2009Recruitment in a changing environment: the 2000s North Sea herring recruitment failure ICES Journal of Marine Science 66:272-277
[65]ICES2010Report of the Advisory Committee, 2010. Book 6. The North Sea. 6.4.16 Herring in Subarea IV and Divisions IIIa and VIId (North Sea autumn spawners)ices.dk
[66]ICES2010Report of the Herring Assessment Working Group for the Area South of 62° N (HAWG), 15 - 23 March 2010, ICES Headquarters, Copenhagen, Denmark. 688pp. 2. North Sea Herringices.dk
[67]Gröger JP, Kruse GH, Rohlf N2010Slave to the rhythm: how large-scale climate cycles trigger herring (Clupea harengus) regeneration in the North Sea ICES Journal of Marine Science 67:454-465
[68]Dickey-Collas M, Nash RDM, Brunel T, Damme CJG van, Marshall CT, Payne MR, Corten A, Geffen AJ, Peck MA, Hatfield EMC, Hintzen NT, Enberg K, Kell LT, Simmonds EJ2010Lessons learned from stock collapse and recovery of North Sea herring: a review ICES Journal of Marine Science 67:1875-1886
[69]2008Long-term management plan for herring of North Sea origin and allocation of catches