Bestandsdatenblatt

Hering: Nordsee-Herbstlaicher

Gültig 05/2011 - 05/2012

Hering: Nordsee-Herbstlaicher

gültig 05/2011 - 05/2012

Zugehörige Fischart

Hering

Allgemeine Informationen


Ökoregion:Nordsee
Fanggebiet:Nordsee (4, 7.d), Skagerrak/Kattegat (20-21) FAO 27
Art:Clupea harengus

Wissenschaftliche Begutachtung

Internationaler Rat für Meeresforschung (ICES), Kopenhagen, www.ices.dk

Methode, Frequenz

Jährliche analytische Bestandsberechnung mit Vorhersage unter Verwendung fast vollständiger Fangdaten und vier unabhängiger wissenschaftlicher Forschungsreisen, die alle Lebensstadien abdecken. Drei von vier Referenzwerten nach dem Vorsorgeansatz sind definiert, sie basieren auf der Biomasse-Nachwuchs-Relation. Nach dem Konzept des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages ist nur ein Referenzwert für die fischereiliche Sterblichkeit festgelegt. Dies war bis 2008 eine der zuverlässigsten Bestandsberechnungen für marine lebende Ressourcen weltweit, Veränderungen in der Verbreitung und der Nachwuchsproduktion haben die Unsicherheiten in den letzten Jahren deutlich ansteigen lassen [216] [257]

 

Wesentliche Punkte

2011: Bei der Festlegung der Höchstfangmengen für 2011 wurde vom Managementplan abgewichen. Die Biomasse liegt knapp über dem Vorsorge-Referenzwert, aber noch unter dem oberen Triggerwert des Managementplanes. Die fischereiliche Sterblichkeit (F) ist leicht gestiegen, der Bestand ist aber nach allen Referenzwerten für F im grünen Bereich. [216] [257]

 

Bestands­zustand

Laicherbiomasse (Reproduktionskapazität)

  volle Reproduktionskapazität (nach Vorsorgeansatz)

  zwischen Referenzwerten (nach Managementplan)

  Referenzwerte nicht definiert (nach höchstem Dauerertrag)

 

Fischereiliche Sterblichkeit

  nachhaltig bewirtschaftet (nach Vorsorgeansatz)

  unter dem Grenzwert (nach Managementplan)

  angemessen (nach höchstem Dauerertrag)

 

Bestands­entwicklung

Der Bestand kollabierte in den 1970er Jahren als Folge einer nicht-nachhaltigen Fischerei. Nach der Schließung der Fischerei 1977 erholte er sich schnell, vor allem durch eine ausgezeichnete Nachwuchsproduktion. Mitte der 1990er Jahre wurde die Laicherbiomasse erneut, diesmal durch eine zu hohe Entnahme von Jungfischen in der Industriefischerei, deutlich reduziert. Die Abnahme der Laicherbiomasse nach 2004 ist durch die schlechte Nachwuchsproduktion seit 2002 verursacht. 2009 konnte ein leichter Anstieg beobachtet werden. Die fischereiliche Sterblichkeit für erwachsene Tiere lag seit der Wiedereröffnung der Fischerei in den 1980ern deutlich über dem Referenzwert und deutlich über dem Zielwert nach diversen Managementplänen. Aktuell sind die Referenzwerte jedoch unterschritten. Viele Jahre überstieg die entnommene Menge die gesetzlich festgesetzte Höchstfangmenge. [216] [257]

 

Ausblick

Die Fangmengen wurden in den vergangenen Jahren soweit reduziert, dass sich der Bestand auch bei fortgesetzt schlechter Nachwuchsproduktion erholen konnte. Der Managementplan sollte jedoch unbedingt eingehalten werden. Nach diesem ist für 2012 eine Erhöhung der Fangmengen um 15% möglich, der Bestand wird dennoch weiter anwachsen. [216]

 

Umwelt­einflüsse auf den Bestand

Seit 2002 produziert dieser Bestand nur noch schwache Nachwuchsjahrgänge. Die Langzeitreihe der Nachwuchsproduktion zeigt einen Zusammenhang mit großskaligen klimatischen Einflüssen wie der Nordostatlantischen Oszillation (NAO). Die Überlebensrate der Larven ist reduziert, was vermutlich mit einer Erwärmung des Wassers auf den Laichgründen und mit Veränderungen in der Hydrografie zusammenhängt, die wiederum die Nahrung der Larven und Erwachsenen beeinflussen. [64] [216] [257]

 

Wer und Wie

erfolgt gemeinsam durch die Europäische Union und Norwegen, jeweils getrennt für die zwei Managementgebiete Nordsee (IV, VIId) und Skagerrak/Kattegat (IIIa) und durch Höchstfangmengen (TACs) für die in diesen Gebieten operierenden Flotten (Flotte A in IV VIId, Flotte C in IIIa,). Zusätzlich werden für zwei Flotten maximale Beifangmengen festgelegt (Industriefischerei) (Flotte B in IV VIId, Flotte D in IIIa). Ein Managementplan (Harvest Control Rule) wurde 1997 implementiert, ab 2005 aber nicht mehr befolgt, weil die erforderliche Reduzierung der Fangmengen zu drastisch erschien. Seit 2009 ist daher ein neuer Managementplan in Kraft, der vom ICES als in Übereinstimmung mit dem Vorsorgeansatz und dem Konzept des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages bewertet wurde. [216] [217] [257]

 

Differenz zwischen Wissen­schaft und Management

Für 2011 wurde die Höchstfangmenge (TAC) entgegen wissenschaftlicher Empfehlung und somit auch abweichend vom neuen Managementplan um 22 statt um 15% erhöht. 2009 und 2010 hingegen entsprach der TAC den wissenschaftlichen Empfehlungen. In den vier Jahren zuvor gab es ebenfalls erhebliche Differenzen zwischen wissenschaftlicher Empfehlung und TACs, die deutlich höher waren als nach dem Managementplan vorgesehen. [216]

 

Karten

Verbreitungsgebiet

Managementgebiet

Der Bestand ist in zwei verschiedenen Managementgebieten verbreitet: In der Nordsee (VI, VIId) und dem Skagerrak/Kattegat (IIIa). Im Skagerrak/Kattegat und in einem kleinen Überlappungsbereich der Nordsee werden Nordsee-Herbstlaicher gemischt mit Frühjahrslaichern der westlichen Ostsee gefangen. Menge und Anteil variieren und können nicht genau vorhergesagt werden. [216] [257]

 

Anlandungen und TACs (in 1.000 t)

Gesamtfang2010: 187,6 (Fänge aus dem Gesamtbestand, nicht nur aus der Nordsee)
TACs (nur Nordsee IV VIId)2007: 341   2008: 201   2009: 171   2010: 164   2011: 200
(nur für menschliche Ernährung)    [167] [216]

IUU-Fischerei

Seit 2009 gibt keine Informationen mehr über illegale, nicht gemeldete oder unregulierte Fänge aus diesem Bestand. In früheren Jahren lag der Anteil illegaler Fänge bei gut 10% an den Gesamtfängen, im östlichen Ärmelkanal deutlich darüber. [216]

 

Struktur und Fangmethode

Nordseehering wird für die menschliche Ernährung und als Beifang in der Industriefischerei gefangen. Alle Nordsee-Anrainerstaaten unterhalten gerichtete Fischereien auf diesen Bestand, vor allem durch große pelagische Schleppnetze (Vollfrost-Trawler der südlichen Anrainer) oder Ringwaden und/oder pelagische Netze (nördliche Anrainer) für die menschliche Ernährung. Die Fischerei ist saisonal, im Frühling und Sommer in der zentralen und nördlichen, in Herbst und Winter in der südlichen Nordsee. [216]

 

Beifänge und Rückwürfe

Beobachterprogramme haben gezeigt, dass der Rückwurf von Hering nicht weit verbreitet ist, es gab aber Hinweise auf den Rückwurf von marktfähiger Ware, wenn die Fangzusammensetzung nicht wie erwünscht ist (highgrading, slipping), insbesondere in der Fischerei für Matjes im späten Frühjahr. Seit 2009 ist der Rückwurf von Hering in der gesamten Nordsee verboten, wenn er legal angelandet werden könnte (Highgrading-Verbot). In der Industriefischerei gibt es Beifänge vor allem von juvenilen Heringen, und in der nördlichen Nordsee kommt es in geringem Umfang zu Beifängen von Makrelen und Lachsnachwuchs. Weitere mögliche Beifänge in Schleppnetzen sind Seevögel und Haie. Der Beifang von Meeressäugern ist gering. [63] [49] [216] [241] [257]

 

Einflüsse der Fischerei auf die Umwelt

Pelagische Schleppnetzfischerei und Ringwadenfischerei haben geringe Beifänge von Nichtzielarten und beeinflussen den Meeresboden nicht (weil sie ihn nicht berühren). [30] [216]

 

Biologische Besonder­heiten

Nordsee-Hering ist ein Schwarmfisch, der bis 20 Jahre alt werden kann. Über 90% der 3-jährigen Fische dieses Bestandes sind erwachsen. Die Tiere in diesem Gebiet laichen auf Kies in 4-5 klar umrissenen Gebieten im Herbst und Winter. Der Laichort determiniert die wesentlichen Bestandskomponenten (Shetland-Orkney, Banks, Buchan, Downs). Heranwachsende Tiere leben im östlichen Teil des Verbreitungsgebietes, im Kattegat und Skagerrak kommt es dabei zu einer Vermischung mit dem benachbarten Heringsbestand der westlichen Ostsee, was eine Fangvorhersage erheblich erschwert. Die sommerlichen Nahrungsgründe der erwachsenen Tiere befinden sich in der nördlichen Nordsee (Shetland und Orkney). [229] [216] [67] [68] [257]

 

Zusätzliche Informationen

Hering ist eine der wissenschaftlich am besten untersuchten Fischarten. Trotzdem gibt es noch immer Wissenslücken. Schwankungen in den Überlebensraten während des ersten Jahres können noch immer nicht ausreichend genau erklärt werden. Für diesen Bestand wurde der erste komplexere Managementplan in der EU beschlossen (1997), der auch Beifänge in Fischereien mit anderen Zielarten berücksichtigt. Wirtschaftlich besonders wichtig ist die Fischerei auf fettreiche Fische im späten Frühjahr, die für die Matjesproduktion benötigt werden. Ein nicht unerheblicher Teil der Heringsfänge aus der Nordsee wird nach Russland und Übersee, und hier insbesondere nach Afrika, verkauft.
Das Laichgeschehen ist empfindlich gegen Kiesentnahme oder Ölverschmutzung auf den Laichplätzen. [14] [216] [257]

Soziale Aspekte

Die Heringsfischerei in der Nordsee wird überwiegend mit großen und größten Fahrzeugen durchgeführt. Die Fahrzeuge fahren unter den Flaggen der Nordsee-Anrainerstaaten, die Arbeitsbedingungen an Bord und die Entlohnung erfolgt daher nach deren Regeln. [13]

 

AutorJahrTitelQuelle
[4]Marine Stewardship Council (MSC)Fisch und Meeresfrüchte aus zertifiziert nachhaltiger Fischereimsc.org
[13]Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) Homepageble.de
[14]Fisch-Informationszentrum e.V. (FIZ)Fisch-Informationszentrum e.V. Homepagefischinfo.de
[30]Food and Agriculture Organization (FAO)FAO. © 2003-2010. Fisheries Topics: Technology. Fish capture technology. In: FAO Fisheries and Aquaculture Department [online]. Rome. Updated 2006 15 09.[Cited 10 June 2010]fao.org
[49]Europäische Union (EU)2009Verordnung (EG) Nr. 1288/2009 des Rates zur Festlegung technischer Übergangsmaßnahmen für den Zeitraum vom 1. Januar 2010 bis zum 30. Juni 2011europa.eu
[63]Borges L, van Keeken, OA, van Helmond ATM, Couperus B, Dickey-Collas M, Borges AV2008What do pelagic freezer-trawlers discard? ICES Journal of Marine Science 65:605-611
[64]Payne MR, Hatfield EMC, Dickey-Collas M, Falkenhaug T, Gallego A, Groger J, Licandro P, Llope, M, Mun P, Rockmann C, Schmidt JO, Nash RDM2009Recruitment in a changing environment: the 2000s North Sea herring recruitment failure ICES Journal of Marine Science 66:272-277
[67]Gröger JP, Kruse GH, Rohlf N2010Slave to the rhythm: how large-scale climate cycles trigger herring (Clupea harengus) regeneration in the North Sea ICES Journal of Marine Science 67:454-465
[68]Dickey-Collas M, Nash RDM, Brunel T, Damme CJG van, Marshall CT, Payne MR, Corten A, Geffen AJ, Peck MA, Hatfield EMC, Hintzen NT, Enberg K, Kell LT, Simmonds EJ2010Lessons learned from stock collapse and recovery of North Sea herring: a review ICES Journal of Marine Science 67:1875-1886
[167]Europäische Union (EU)2011Verordnung (EU) Nr. 57/2011 des Rates vom 18. Januar 2011 zur Festsetzung der Fangmöglichkeiten für bestimmte Fischbestände und Bestandsgruppen in den EU-Gewässern sowie für EU-Schiffe in bestimmten Nicht-EU-Gewässern (2011)europa.eu
[216]ICES2011Report of the Advisory Committee, 2011. Book 6. North Sea. 6.4.16. Herring in Subarea IV and Divisions IIIa and VIId (North Sea autumn spawners)ices.dk
[217]ICES2011Report of the Workshop on the evaluation of the long-term management plan for North Sea herring [WKHERMP]., 14 - 15 March 2011, ICES Headquarters, Copenhagen. ICES CM 2011/ACOM:. 35 pp.ices.dk
[229]Froese, R. and D. Pauly. Editors.2011FishBase. World Wide Web electronic publication.
www.fishbase.org, version (06/2011).
fishbase
[241]Europäische Union (EG)2011Verordnung (EU) Nr. 579/2011 des europäischen Parlaments und des Rates vom 8. Juni 2011 zur Änderung der Verordnung (EG) Nr. 850/98 des Rates zur Erhaltung der Fischereiressourcen durch technische Maßnahmen zum Schutz von jungen Meerestieren und der Verordnung (EG) Nr. 1288/2009 des Rates zur Festlegung technischer Übergangsmaßnahmen für den Zeitraum vom 1. Januar 2010 bis zum 30. Juni 2011europa.eu
[257]ICES2011Report of the Herring Assessment Working Group for the area South of 62 deg N (HAWG), 16 - 24 March 2011, ICES Headquarters, Copenhagen. ICES CM 2011/ACOM:06 .749 pp. 2 North Sea Herringices.dk