Bestandsdatenblatt

Hering: Nordsee-Herbstlaicher

Gültig 05/2013 - 05/2014

Hering: Nordsee-Herbstlaicher

gültig 05/2013 - 05/2014

Zugehörige Fischart

Hering

Allgemeine Informationen


Ökoregion:Nordsee
Fanggebiet:Nordsee (4, 7.d), Skagerrak/Kattegat (20-21) FAO 27
Art:Clupea harengus

Wissenschaftliche Begutachtung

Internationaler Rat für Meeresforschung (ICES), Kopenhagen, www.ices.dk

Methode, Frequenz

Jährliche analytische Bestandsberechnung mit Vorhersage unter Verwendung fast vollständiger Fangdaten und vier unabhängiger wissenschaftlicher Forschungsreisen, die alle Lebensstadien abdecken. Seit 2012 wird ein neues Berechnungsmodell angewendet, wodurch sich die Wahrnehmung des Bestandes und seiner Entwicklung in den letzten Jahren stark geändert hat. Für 2013 wurden die Referenzwerte an das neue Modell angepasst. Nach dem Vorsorgeansatz sind nun nur noch Referenzwerte für die Laicherbiomasse definiert (Bpa, Blim). Nach dem Konzept des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages (MSY) ist nur der Referenzwert für die fischereiliche Sterblichkeit festgelegt (Fmsy). [471] [628] [638]

 

Wesentliche Punkte

2013: Der Bestand liegt nach allen vorhandenen Referenzwerten im grünen Bereich. Die Fangmengen für 2013 wurden geringfügig über der wissenschaftlichen Empfehlung (basierend auf dem Managementplan) festgesetzt. [628] [638]

 

Bestands­zustand

Laicherbiomasse (Reproduktionskapazität)

  volle Reproduktionskapazität (nach Vorsorgeansatz)

  über dem Grenzwert (nach Managementplan)

  Referenzwerte nicht definiert (nach höchstem Dauerertrag)

 

Fischereiliche Sterblichkeit

  Referenzwert nicht definiert (nach Vorsorgeansatz)

  unter dem Grenzwert (nach Managementplan)

  angemessen (nach höchstem Dauerertrag)

 

Bestands­entwicklung

Der Bestand kollabierte in den 1970er Jahren als Folge einer nicht-nachhaltigen Fischerei. Nach der Schließung der Fischerei 1977 erholte er sich schnell, vor allem durch eine ausgezeichnete Nachwuchsproduktion. Mitte der 1990er Jahre wurde die Laicherbiomasse erneut deutlich reduziert, diesmal durch eine zu hohe Entnahme von Jungfischen in der Industriefischerei. Die Abnahme der Laicherbiomasse nach 2004 ist durch die schlechte Nachwuchsproduktion seit 2002 verursacht. Durch langsam aber in der Summe deutlich reduzierte Fänge in den letzten Jahren konnte die fischereiliche Sterblichkeit weiter gesenkt werden und die Laicherbiomasse wieder ansteigen. Der Bestand liegt nach allen Referenzwerten im grünen Bereich. Die Nachwuchsproduktion ist jedoch noch immer eher schwach und die Anlandungen sind in den letzen zwei Jahren wieder gestiegen. [628] [638]

 

Ausblick

Die Fangmengen wurden in den vergangenen Jahren soweit reduziert, dass sich der Bestand auch bei fortgesetzt schlechter Nachwuchsproduktion erholen konnte. Der bestehende Managementplan wird die Fänge auf jetzigem Niveau stabilisieren. [638]

 

Umwelt­einflüsse auf den Bestand

Seit 2002 produziert dieser Bestand nur noch schwache Nachwuchsjahrgänge. Die Langzeitreihe der Nachwuchsproduktion zeigt einen möglichen Zusammenhang mit großskaligen klimatischen Einflüssen wie der Nordatlantischen Oszillation (NAO). Die Überlebensrate der Larven ist reduziert, was vermutlich mit einer Erwärmung des Wassers auf den Laichgründen und mit Veränderungen der hydrografischen Bedingungen zusammenhängt, die wiederum die Nahrung der Larven und Erwachsenen beeinflussen. Welche Mechanismen genau wirken, ist aber noch nicht bekannt. [64] [67] [628] [638]

 

Wer und Wie

Das Management erfolgt gemeinsam durch die Europäische Union und Norwegen, jeweils getrennt für die zwei Managementgebiete Nordsee (IV, VIId) und Skagerrak/Kattegat (IIIa) und durch Höchstfangmengen (TACs) für die in diesen Gebieten operierenden Flotten für die menschliche Ernährung (Flotte A in IV und VIId, Flotte C in IIIa). In der südlichen Nordsee (IVc und VIId) ist ein Unter-TAC festgelegt, um Ansammlungen laichender Tiere in diesem Gebiet zu schonen. Bis zu 50% des 2013er TACs für Kattegat und Skagerrak (IIIa) dürfen in der Nordsee (EU-Gewässer des ICES-Gebietes IV) gefangen werden. Zusätzlich werden für die Industriefischerei maximale Beifangmengen festgelegt (Flotte B in IV und VIId, Flotte D in IIIa). Der aktuelle Managementplan ist seit 2009 in Kraft und bildet die Basis für die Empfehlungen des ICES. Die komplette Neuberechnung der Bestandsentwicklung erforderte auch eine Überprüfung des Managementplanes (die ohnehin schon Ende 2011 regulär anstand). Der ICES hat die bestehenden und neuen Optionen des Planes geprüft und als im Einklang mit dem Vorsorgeansatz befunden, die Implementierung steht aber noch aus. [217] [471] [628] [638]

 

Differenz zwischen Wissen­schaft und Management

Ein Managementplan wurde schon 1997 implementiert, ab 2005 aber nicht mehr befolgt, weil die erforderliche Reduzierung der Fangmengen zu drastisch erschien. Ab 2009 wurde ein revidierter Managementplan eingerichtet, der die Erholung des Bestandes auf einen längeren Zeitraum strecken sollte. Dieser wurde aber ab 2011 erneut nicht mehr befolgt, weil er nun den Anstieg der Fangmengen zu sehr dämpfte. Die Höchstfangmenge (TAC Flotte A, Nordsee: Gebiete IV und VIId) wurde entgegen wissenschaftlicher Empfehlung 2011 um 22%, 2012 um 102% und 2013 um 18% statt um jeweils 15% erhöht. Die maximale Beifangmenge für die Industriefischerei in diesem Gebiet (Flotte B) wurde jedoch unter der Empfehlung festgelegt. [628] [638]

 

Karten

Verbreitungsgebiet

Managementgebiet

Der Bestand ist in zwei verschiedenen Managementgebieten verbreitet: In der Nordsee (VI, VIId) und dem Skagerrak/Kattegat (IIIa) (siehe „Wer und Wie“). Im Skagerrak/Kattegat und in einem kleinen Überlappungsbereich der Nordsee werden Nordsee-Herbstlaicher gemischt mit Frühjahrslaichern der westlichen Ostsee gefangen. Menge und Anteil variieren und können nicht genau vorhergesagt werden. Management- und Verbreitungsgebiete stimmen ungefähr überein [628] [638]

 

Anlandungen und TACs (in 1.000 t)

Gesamtfang2012: 434,6 (Fänge aus dem Gesamtbestand, nicht nur aus der Nordsee, alle Flotten); Flotte A (IV, VIId, nur für menschliche Ernährung): 411,8; hauptsächlich pelagische Schleppnetze
TACs (Flotte A, Nordsee IV, VIId, nur menschliche Ernährung):2007: 341  2008: 201  2009: 171  2010: 164  2011: 200  
2012: 405  2013: 478 [629] [638]

IUU-Fischerei

Der ICES ist über nicht gemeldete Fänge in der Heringsfischerei besorgt und empfiehlt den Einsatz von Beobachtern in der pelagischen Fischerei. In früheren Jahren lag der Anteil illegaler Fänge bei gut 10% an den Gesamtfängen, im östlichen Ärmelkanal deutlich darüber. [638]

 

Struktur und Fangmethode

Nordseehering wird für die menschliche Ernährung und als Beifang in der Industriefischerei gefangen. Alle Nordsee-Anrainerstaaten unterhalten gerichtete Fischereien auf diesen Bestand, vor allem durch große pelagische Schleppnetze (Vollfrost-Trawler der südlichen Anrainer) oder Ringwaden und/oder pelagische Netze (nördliche Anrainer). Die Fischerei ist saisonal, im Frühling und Sommer in der zentralen und nördlichen, im Herbst und Winter in der südlichen Nordsee. [628] [638]

 

Beifänge und Rückwürfe

Die pelagische Heringsfischerei ist sehr rein, mit wenig Beifang von Nichtzielarten. Hering macht laut einer Studie etwa 98% der Fänge (nach Gewicht) aus. Beigefangen werden Makrelen, Wittling, Stöcker und Schellfisch.
Beobachterprogramme haben gezeigt, dass der Rückwurf von Hering nicht weit verbreitet ist (insgesamt unter 5% der Anlandungen), es gibt aber Hinweise auf den Rückwurf von marktfähiger Ware, wenn die Fangzusammensetzung nicht wie erwünscht ist (Highgrading) z.B. auch durch Slipping (Verwerfen des Fanges bevor das Netz an Bord genommen wird). In norwegischen Gewässern sind sämtliche Rückwürfe von quotierten Arten verboten, in EU-Gewässern dagegen nur solche, die legal angelandet werden könnten (Highgrading- und Slipping-Verbot). In der Industriefischerei gibt es Beifänge vor allem von jungen Heringen. [39] [63] [628] [631] [638]

 

Einflüsse der Fischerei auf die Umwelt

Pelagische Schleppnetzfischerei und Ringwadenfischerei haben geringe Beifänge von Nichtzielarten und beeinflussen den Meeresboden nicht (weil sie ihn nicht berühren). Interaktionen dieser Heringsfischerei mit geschützten Arten sind gering. Beobachtungsprogramme haben gezeigt, dass der Beifang von Meeressäugern in pelagischen Schleppnetzen sehr selten ist. Gelegentlich können Haie und Seevögel beigefangen werden. [30] [628] [638]

 

Biologische Besonder­heiten

Nordsee-Hering ist ein Schwarmfisch, der bis 20 Jahre alt werden kann. Er ist ein wesentlicher Bestandteil des Nahrungsnetzes. Hering ernährt sich von kleinen Planktonorganismen und ist selbst wiederum wichtige Nahrung für andere Fische, Vögel und Meeressäuger.
Die Tiere in diesem Gebiet laichen auf Kies in 4-5 klar umrissenen Gebieten im Herbst und Winter. Der Laichort determiniert die wesentlichen Bestandskomponenten (Shetland-Orkney, Banks, Buchan, Downs). Heranwachsende Tiere leben im östlichen Teil des Verbreitungsgebietes, im Kattegat und Skagerrak kommt es dabei zu einer Vermischung mit dem benachbarten Heringsbestand der westlichen Ostsee, was eine Fangvorhersage erheblich erschwert. Die sommerlichen Nahrungsgründe der erwachsenen Tiere befinden sich in der nördlichen Nordsee (Shetland und Orkney). [67] [68] [628] [638]

Zusätzliche Informationen

Hering ist eine der wissenschaftlich am besten untersuchten Fischarten. Trotzdem gibt es noch immer Wissenslücken. Schwankungen in den Überlebensraten während des ersten Jahres können noch immer nicht ausreichend genau erklärt werden. Für diesen Bestand wurde 1997 der erste komplexere Managementplan in der EU beschlossen, der auch Beifänge in Fischereien mit anderen Zielarten berücksichtigt. Wirtschaftlich besonders wichtig ist die Fischerei auf fettreiche Fische im späten Frühjahr, die für die Matjesproduktion benötigt werden. Ein nicht unerheblicher Teil der Heringsfänge aus der Nordsee wird nach Russland und Übersee, und hier insbesondere nach Afrika, verkauft.
Das Laichgeschehen ist empfindlich gegen Kiesentnahme oder Ölverschmutzung auf den Laichplätzen. [14] [472] [628] [638]

Soziale Aspekte

Die Heringsfischerei in der Nordsee wird überwiegend mit großen und größten Fahrzeugen durchgeführt. Die kleine Küstenfischerei nutzt diesen Bestand seit der Wiedereröffnung der Fischerei 1981 nicht mehr. Die Fahrzeuge fahren unter den Flaggen der Nordsee-Anrainerstaaten, die Arbeitsbedingungen an Bord und die Entlohnung erfolgt daher nach deren Regeln. [13]

 

AutorJahrTitelQuelle
[4]Marine Stewardship Council (MSC)Fisch und Meeresfrüchte aus zertifiziert nachhaltiger Fischereimsc.org
[13]Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) Homepageble.de
[14]Fisch-Informationszentrum e.V. (FIZ)Fisch-Informationszentrum e.V. Homepagefischinfo.de
[30]Food and Agriculture Organization (FAO)FAO. © 2003-2010. Fisheries Topics: Technology. Fish capture technology. In: FAO Fisheries and Aquaculture Department [online]. Rome. Updated 2006 15 09.[Cited 10 June 2010]fao.org
[39]Fischereiverwaltung, NorwegenOnline Portal des Fiskeridirektoratet (Fischereiverwaltung), Norwegenfiskeridir.no
[63]Borges L, van Keeken, OA, van Helmond ATM, Couperus B, Dickey-Collas M, Borges AV2008What do pelagic freezer-trawlers discard? ICES Journal of Marine Science 65:605-611
[64]Payne MR, Hatfield EMC, Dickey-Collas M, Falkenhaug T, Gallego A, Groger J, Licandro P, Llope, M, Mun P, Rockmann C, Schmidt JO, Nash RDM2009Recruitment in a changing environment: the 2000s North Sea herring recruitment failure ICES Journal of Marine Science 66:272-277
[67]Gröger JP, Kruse GH, Rohlf N2010Slave to the rhythm: how large-scale climate cycles trigger herring (Clupea harengus) regeneration in the North Sea ICES Journal of Marine Science 67:454-465
[68]Dickey-Collas M, Nash RDM, Brunel T, Damme CJG van, Marshall CT, Payne MR, Corten A, Geffen AJ, Peck MA, Hatfield EMC, Hintzen NT, Enberg K, Kell LT, Simmonds EJ2010Lessons learned from stock collapse and recovery of North Sea herring: a review ICES Journal of Marine Science 67:1875-1886
[217]ICES2011Report of the Workshop on the evaluation of the long-term management plan for North Sea herring [WKHERMP]., 14 - 15 March 2011, ICES Headquarters, Copenhagen. ICES CM 2011/ACOM:. 35 pp.ices.dk
[471]ICES2012Report of the Benchmark Workshop on Pelagic Stocks (WKPELA 2012), 13–17 February 2012, Copenhagen, Denmark. ICES CM 2012/ACOM:47. 572 pp.ices.dk
[472]Röckmann C, Dickey-Collas M, Payne MR, van Hal R2011Realized habitats of early-stage North Sea herring: looking for signals of environmental change. ICES Journal of marine science, 68:537–546
[628]ICES2013Report of the Herring Assessment Working Group for the Area South of 62 N (HAWG), 12-21 March 2013, ICES Headquarters, Copenhagen. ICES CM 2013/ACOM:06. 1270pp.ices.dk
[629]Europäische Union (EU)2013Verordnung (EU) Nr. 297/2013 des Rates vom 27. März 2013 zur Änderung der Verordnungen (EU) Nr. 44/2012, (EU) Nr. 39/2013 und (EU) Nr. 40/2013 hinsichtlich bestimmter Fangmöglichkeiteneuropa.eu
[631]Europäische Union (EU)2013Verordnung (EU) Nr. 227/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 13. März 2013 zur Änderung der Verordnung (EG) Nr. 850/98 des Rates zur Erhaltung der Fischereiressourcen durch technische Maßnahmen zum Schutz von jungen Meerestieren und der Verordnung (EG) Nr. 1434/98 des Rates über die zulässige Anlandung von Hering zu industriellen Zwecken ohne Bestimmung für den unmittelbaren menschlichen Verzehreuropa.eu
[638]ICES2013Report of the Advisory Committee, 2013. Book 6. North Sea. 6.4.9. Herring in Subarea IV and Divisions IIIa and VIId (North Sea autumn spawners)ices.dk