Bestandsdatenblatt

Nordsee-Scholle

Gültig 06/2011 - 06/2012

Nordsee-Scholle

gültig 06/2011 - 06/2012

Zugehörige Fischart

Scholle

Allgemeine Informationen

Ökoregion:Nordsee
Fanggebiet:Nordsee (4) FAO 27
Art:Pleuronectes platessa

Wissenschaftliche Begutachtung

Internationaler Rat für Meeresforschung (ICES), Kopenhagen

Methode, Frequenz

Jährliche analytische Bestandsberechnung mit Vorhersage unter Verwendung von Anlande- und Rückwurfdaten (letztere seit 2000) und dreier unabhängiger wissenschaftlicher Forschungsreisen (nur Erwachsene). Alle vier Referenzwerte nach dem Vorsorgeansatz sind definiert, sie basieren auf der Biomasse-Nachwuchs-Relation. Die Referenzwerte nach dem Konzept zur Erlangung des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages (MSY) sind ebenfalls festgelegt (Fmsy, Btrigger). Die Bestandsberechnung ist sehr unsicher, wegen des hohen Anteils an Rückwürfen am Gesamtfang und wegen der regional sehr unterschiedlichen Verteilung. [231] [232]

Wesentliche Punkte

2011: Der Bestand liegt bezüglich aller Referenzwerte im grünen Bereich, die Biomasse war in der bis 1956 zurückreichenden Zeitserie nie höher als 2011. Auch dieser Bestand zählt also zu den wenigen EU-Beständen, die bereits nach dem anspruchsvollen MSY-Konzept bewirtschaftet werden. Die Menge der Rückwürfe ist mit 43% des Gesamtfanges unverändert hoch, außerdem traten erstmals seit 20 Jahren wieder nennenswerte nichtberichtete Anlandungen auf. [231]

Bestands­zustand

Laicherbiomasse (Reproduktionskapazität)

  volle Reproduktionskapazität (nach Vorsorgeansatz)

  innerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwert (nach Managementplan)

  innerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwert (nach höchstem Dauerertrag)

 

Fischereiliche Sterblichkeit
 

  nachhaltig bewirtschaftet (nach Vorsorgeansatz)

  innerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwert (nach Managementplan)

  angemessen (nach höchstem Dauerertrag)

 

Bestands­entwicklung

Nach einer stetigen Ausweitung der Fischerei nach dem 2. Weltkrieg erreichten die Erträge und die Bestandsgröße in den 1980er Jahren ihr Maximum. Die fischereiliche Sterblichkeit nahm weiter zu, gleichzeitig ließ die Rekrutierung nach. In der Folge sanken Biomasse und Erträge schnell. Die fischereiliche Sterblichkeit erreichte 1997 den Maximalwert von 0,8, fluktuierte danach stark und liegt seit 2004 beständig unter dem Vorsorgereferenzwert (Fpa). Die Biomasse wächst seit 2005 stetig und erreicht 2011 den höchsten Wert seit Beginn der Aufzeichnung. Die Nachwuchsproduktion liegt seit 2005 im Rahmen des Langzeitmittels. [231] [232]

Ausblick

Fangmengen und Biomasse werden bei Einhaltung des Managementplanes mittelfristig weiter steigen. [231] [232] [10]

Umwelt­einflüsse auf den Bestand

Die Scholle gehört zu den borealen (nördlichen) Arten. Schwankungen und Trends in der Nachwuchsproduktion sind daher mit hoher Wahrscheinlichkeit klimabedingt, ebenso eine Verschiebung der Verbreitung junger Schollen in tieferes Wasser. Für das Überleben im empfindlichen Larvenstadium und eine erfolgreiche Ansiedlung im Watt müssen Wetter- und Strömungsbedingungen günstig sein. Kalte Winter verbessern die Aussicht auf einen starken Nachwuchsjahrgang. [231] [33] [232] [61]

Wer und Wie

Das Management erfolgt seit 2008 nach dem durch die EU eingeführten Langzeit-Management-Plan, gemeinsam für Scholle und Seezunge, die unvermeidlich zusammen gefangen werden. Dieser Plan wurde vom ICES 2010 als positiv bewertet (in Übereinstimmung mit dem Vorsorgeansatz) und ist nun Basis für die wissenschaftliche Fangempfehlung. Nach der 2011 abgeschlossenen Erholungsphase sollen die Bestände ab 2012 nach dem Konzept des höchstmöglichen Dauerertrags (MSY) bewirtschaftet werden. Der Übergang in diese 2. Phase muss aber vom Ministerrat beschlossen werden und erfordert die Änderung einiger Artikel des Managementplanes. Die EU und Norwegen haben sich nicht auf eine gemeinsame Bewirtschaftung geeinigt, Norwegen hat in seinem Hoheitsgebiet eigene Bewirtschaftungsregeln erlassen. [231] [10] [233]

Differenz zwischen Wissen­schaft und Management

Über viele Jahre (2003-2008) wurde die legale Höchstfangmenge (TAC) erheblich oberhalb der wissenschaftlichen Empfehlung festgesetzt. Erst seit 2009 decken sich die auf dem Managementplan basierende wissenschaftliche Empfehlung und verabschiedeter TAC zumindest in EU-Gewässern wieder. [231] [10]

Karten

Verbreitungsgebiet

Managementgebiet

Nordsee-Scholle ist nur in Gebiet IV verbreitet. Verbreitungs- und Managementgebiet stimmen überein. [231]

Anlandungen und TACs (in 1.000 t)

Gesamtfang2010: Gesamtfang: 106 (60,7 Anlandungen plus 45,8 Rückwürfe); von den Anlandungen: Baumkurre 53%, Scherbrettschleppnetze 27%, andere 20%
TACs2007:50,0 2008: 49,0 2009: 55,5 2010: 63,8 2011: 73,4 [167] [231]

IUU-Fischerei

Illegale oder unberichtete Fänge von Scholle aus der Nordsee lagen in den letzten 20 Jahren bei unter 4% der Anlandungen, im letzten Jahr stieg dieser Anteil jedoch auf fast 20%. [231]

Struktur und Fangmethode

Scholle wird hauptsächlich mit Baumkurren in einer gemischten Fischerei gefangen. Die Baumkurre ist ein Schleppnetz an einem stählernen Rahmen, das mit Kufen direkt auf dem Grund aufsetzt. Um die oft im Boden eingegrabenen Plattfische aufzustören, läuft vor der eigentlichen Netzöffnung ein Satz stählerner Ketten (Scheuchketten). Diese Technik hat sich seit den 1950er Jahren, von den Niederlanden ausgehend, in vielen Anrainerstaaten durchgesetzt. Der enge Kontakt des Fanggeschirrs mit dem Grund bedingt einen hohen Schleppwiderstand. Die hohen Treibstoffkosten haben zu einer Abnahme des Aufwandes geführt (oder zur Umrüstung von Baumkurren auf Scherbrettnetze oder Snurrewaden), und die Entwicklung treibstoffsparender Fangmethoden gefördert (z.B. Baumkurren mit weniger Bodenkontakt und dem Ersatz der Ketten durch Scheuchelektroden). [2] [231] [232]

Beifänge und Rückwürfe

Die Fischerei ist vor allem in der südlichen Nordsee „gemischt“ und fängt gleichzeitig mehrere Plattfischarten, vor allem Seezunge und Scholle. Da die Seezunge die höchsten Anlandepreise erzielt, gilt sie für die Fischerei als Hauptzielart. Die engen Netzmaschen (z.Zt. 80 mm Maschenöffnung), die wegen des schlankeren Körperbaus für die Seezunge nötig sind, fangen unweigerlich auch kleine Schollen und Kabeljau mit, die als nicht vermarktbare und nur eingeschränkt überlebensfähige Rückwürfe auch für den Laicherbestand verloren sind. Rückwürfe von Scholle und Seezunge haben Überlebensraten von unter 10%. Diese Beifänge machen den überwiegenden Teil der Gesamtfänge der Scholle nach Anzahl, bzw. um die 50% des Fanges nach Gewicht aus. Die Aufwandsregulierung (Tage auf See), hohe Treibstoffpreise und die unterschiedliche Veränderung der Höchstfangmengen von Scholle und Seezunge haben den Fischereiaufwand in die südliche Nordsee verlagert. Das verstärkt die Beifang-Problematik, da hier das Hauptverbreitungsgebiet junger Schollen ist. Größere Maschenweiten würden die Beifänge, aber auch den Anteil marktfähiger Seezungen stark verringern. [231] [232] [235]

Einflüsse der Fischerei auf die Umwelt

Da die Baumkurren auf dem Grund geschleppt werden und die Scheuchketten einige cm tief eindringen können, werden regelmäßig (abhängig vom Fanggrund) größere Mengen an bodennah lebendem Meeresgetier mitgefangen, sowohl Fische als auch Wirbellose. Diese sind als Rückwürfe meist nicht überlebensfähig. Insbesondere die Baumkurrenfischerei kann Artenzusammensetzung, Biomasse und Nahrungsgefüge im befischten Gebiet erheblich verändern. Diese Fangmethode ist außerdem sehr energieaufwändig. Baumkurrenfischerei ist die Fangmethode mit dem größten unmittelbaren Einfluss auf die Meeresumwelt. Die Auswirkungen der Scherbrett- und Snurrewadenfischerei sind geringer.
Innerhalb einzelner Arten kann die Größenselektion des Fanggerätes zu einer Verschiebung der Reife kommen. In den letzten Jahren erreichen jüngere und kleinere Schollen und Seezungen die Geschlechtsreife. [7] [8] [234]

Biologische Besonder­heiten

Die Scholle ist an allen nordeuropäischen Küsten verbreitet, ist aber in der Nordsee besonders produktiv. Die jüngsten Stadien wachsen im Flachwasser des Wattenmeers auf und wandern dann mit zunehmender Größe ins Tiefere ab, so dass große Schollen besonders im nördlichen Teil der mittleren Nordsee zu finden sind. Der Zug ins Tiefere findet in den letzten Jahren früher statt, so dass junge Schollen in Gebieten fast fehlen, in denen sie früher sehr häufig waren. [231] [33] [232] [61]

Zusätzliche Informationen

Ein Streifen entlang der holländischen, deutschen und dänischen Küste ist für größere Baumkurrenfahrzeuge (mit mehr als 221 kW Maschinenleistung) gesperrt, um Jungfische zu schonen (Schollenbox). Jüngste Untersuchungen ergaben nur einen geringen positiven Effekt der Schollenbox auf den Bestand. Die zeitigere Abwanderung junger Schollen in tieferes, küstenfernes Wasser hat die Effektivität dieser Schutzmaßnahme stark verringert, da die Jungtiere früher in stark befischte Gebiete gelangen. [231] [24] [232] [61]

Zertifizierte Fischereien

Drei Nordsee-Schollenfischereien sind nach den Standards des Marine Stewardship Councils zertifiziert. Deren Fangmenge beträgt ca. 23% der Gesamtanlandungen. Eine weitere Fischerei befindet sich im Bewertungsprozess. [4]

Soziale Aspekte

Die gemischte Plattfischfischerei in der Nordsee wird überwiegend mit kleineren Fahrzeugen durchgeführt. Diese Fischereibetriebe haben erhebliche Bedeutung für die strukturschwachen Gebiete an den Küsten der Anrainerstaaten. Die Fahrzeuge fahren unter den Flaggen der Anrainerstaaten, die Arbeitsbedingungen an Bord und die Entlohnung erfolgt daher nach deren Regeln. [12] [13]

AutorJahrTitelQuelle
[2]Muus BJ, Nielsen JG1999Die Meeresfische Europas Franckh-Kosmos Verlag
[4]Marine Stewardship Council (MSC)Fisch und Meeresfrüchte aus zertifiziert nachhaltiger Fischereimsc.org
[7]Kaiser MJ, Ramsay K, Ramsay K, Richardson CA, Spence FE, Brand AR2000Chronic fishing disturbance has changed shelf sea benthic community structure Journal of Animal Ecology 69:494-503
[8]Hiddink JG, Jennings S, Kaiser MJ, Queirós AM, Duplisea DE, Piet GJ2006Cumulative impacts of seabed trawl disturbance on benthic biomass, production, and species richness in different habitats Canadian Journal of Fisheries and Aquatic Sciences 63:721-736
[10]Europäische Union (EU)2007Verordnung (EG) 676/2007 des Rates zur Einführung eines Mehrjahresplans für die Fischereien auf Scholle und Seezunge in der Nordseeeuropa.eu
[12]Europäische Gemeinschaften2009Die Gemeinsame Fischereipolitik. Ein Leitfaden für Benutzerec.europa.eu
[13]Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) Homepageble.de
[14]Fisch-Informationszentrum e.V. (FIZ)Fisch-Informationszentrum e.V. Homepagefischinfo.de
[24]Pastoors MA, Rijnsdorp AD, van Beek FA2000Effects of a partially closed area in the North Sea (\"plaice box\") on stock development of plaice ICES J Mar Sci 57:1014-1022
[33]Rijnsdorp AD, Peck MA, Engelhard GH, Möllmann C, Pinnegar JK2009Resolving the effect of climate change on fish populations ICES Journal of Marine Science 66:1570-1583
[61]Van Keeken OA, Van Hoppe M, Grift RE, Rijnsdorp AD2007The implications of changes in the spatial distribution of juveniles for the management of North Sea plaice (Pleuronectes platessa) Journal of Sea Research 57:187–197
[167]Europäische Union (EU)2011Verordnung (EU) Nr. 57/2011 des Rates vom 18. Januar 2011 zur Festsetzung der Fangmöglichkeiten für bestimmte Fischbestände und Bestandsgruppen in den EU-Gewässern sowie für EU-Schiffe in bestimmten Nicht-EU-Gewässern (2011)europa.eu
[231]ICES2011Report of the Advisory Committee, 2011. Book 6. North Sea. 6.4.7. Plaice in Subarea IV (North Sea)ices.dk
[232]ICES20112011 Report of the Working Group on the Assessment of Demersal Stocks in the North Sea and Skagerrak (WGNSSK). 8. Plaice in Subarea IVices.dk
[233]ICES2010Report of the Advisory Committee, 2010. Book 6. North Sea. 6.3.3.4. Request from the Netherlands on the evaluation of the long term management plan for sole and plaice in the North Sea (part 2)ices.dk
[234]Grift RE, Rijnsdorp AD, Barot S, Heino M, Dieckmann U2003Fisheries-induced trends in reaction norms for maturation in North Sea plaice Marine Ecology-Progress Series, 257: 247–257.
[235]Beek FA van, Leeuwen PI van, Rijnsdorp AD1990On the survival of plaice and sole discards in the otter-trawl and beam-trawl fisheries in the North Sea. Netherlands Journal of Sea Research 26: 151-160