Bestandsdatenblatt

Seelachs Nordsee, Skagerrak/Kattegat, westl. Schottlands

Gültig 06/2020 - 06/2021

Seelachs Nordsee, Skagerrak/Kattegat, westl. Schottlands

gültig 06/2020 - 06/2021

Zugehörige Fischart

Seelachs

Allgemeine Informationen


Ökoregion:Nordsee, Keltischer und Biskaya-Schelf
Fanggebiet:Nordsee (4, 3.a), westl. Schottland (6) FAO 27
Art:Pollachius virens

Wissenschaftliche Begutachtung

Internationaler Rat für Meeresforschung (ICES), Kopenhagen, www.ices.dk

Methode, Frequenz

Jährliche analytische Bestandsberechnung mit Vorhersage unter Verwendung fast vollständiger Fangdaten und einer unabhängigen wissenschaftlichen Forschungsreise, die Seelachse jedoch erst ab Alter 3 erfasst. Die Vorhersagen für diesen Bestand und die daraus resultierenden Fangempfehlungen werden maßgeblich bestimmt durch die Annahmen über den in die Fischerei einwachsenden Jahrgang, dessen Größe aber zum Zeitpunkt der Berechnung noch nicht bekannt ist. Daraus resultiert eine hohe Variabilität der Empfehlung zwischen den Jahren und die Bestandsberechnung ist sehr unsicher. Alle vier Referenzwerte nach dem Vorsorgeansatz sind definiert, sie basieren auf der Biomasse-Nachwuchs-Relation (Bpa, Blim, Fpa, Flim). Nach dem Konzept zur Erlangung des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages sind zwei Referenzwerte festgelegt (MSY-Btrigger, Fmsy). [1142] [1205] [1206]

Wesentliche Punkte

Mit der aktuellen Berechnung 2020 hat sich die Wahrnehmung des Bestandes geändert. Die Laicherbiomasse ist nun auch zwei Jahre rückwirkend niedriger, der Fischereidruck höher. Die Laicherbiomasse hat weiter abgenommen, liegt aber noch vollständig im grünen Bereich (über MSY-Btrigger). Der Fischereidruck ist gestiegen und liegt nun über dem Referenzwert zur Erlangung des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages (Fmsy) und auch leicht über dem Vorsorge-Referenzwert (Fpa). Die Nachwuchsproduktion bleibt schwach. [1142] [1205] [1206]

Bestands­zustand

Laicherbiomasse (Reproduktionskapazität)

  volle Reproduktionskapazität (nach Vorsorgeansatz)

  innerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwert (nach Managementplan)

  innerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwert (nach höchstem Dauerertrag)

Fischereiliche Sterblichkeit

  erhöhtes Risiko (nach Vorsorgeansatz)
 

  außerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwert (nach Managementplan)

 übernutzt (nach höchstem Dauerertrag)
 

Der EU-Managementplan ist nicht mit Norwegen abgestimmt und gilt daher nur in EU-Gewässern.
 

Bestands­entwicklung

Der Bestand erreichte Anfang der 1970er Jahre, in Folge sehr guter Umweltbedingungen („gadoid outburst“), eine Maximalmenge. Eine sehr hohe Entnahme bei gleichzeitig nachlassender Nachwuchsproduktion führte zu einer schnellen Abnahme des Bestandes. In der Folge war Nordsee-Seelachs 7 Jahre überfischt (Laicherbiomasse unter MSY-Btrigger), bis er sich ab Ende der 1990er Jahre wieder positiv entwickelte und eher moderat genutzt wurde – maßgeblich durch eine geringere Nachfrage auf dem Markt. Die Biomasse stieg bis 2006 an, hat dann bis 2012 abgenommen, stieg bis 2017 erneut etwas an, nimmt seitdem aber wieder ab. Der Bestand liegt seit 1996 über dem Referenzwert des Konzeptes zur Erlangung des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages (MSY-Btrigger). Der Fischereidruck schwankt seit vielen Jahren zwischen dem MSY- und dem Vorsorgereferenzwert (Fpa) und liegt aktuell leicht über Fpa. Der grau schattierte Bereich in der Grafik zeigt die Spanne der Referenzwerte des EU-Managementplanes (höchster und niedrigster Wert). Die Nachwuchsproduktion zeigt einen abnehmenden Trend mit den niedrigsten Werten in den letzten 10 Jahren. [47] [1084] [1142] [1205] [1206]

Ausblick

Derzeit wachsen schwächere Jahrgänge in die Fischerei ein, außerdem wurde die Laicherbiomasse in der aktuellen Bestandsberechnung nach unten korrigiert und der Fischereidruck ist noch immer zu hoch. All das zusammen führt zu geringeren Fangempfehlungen. Die längerfristige Entwicklung des Bestandes wird weiterhin von der Nachwuchsproduktion abhängen, die noch immer schwach ist. [1142] [1205] [1206]

Umwelt­einflüsse auf den Bestand

Nordsee-Seelachs ist der südlichste große Seelachsbestand in europäischen Gewässern. Seit Mitte der 1980er Jahre sind diese Seelachse immer langsamer gewachsen, dieser Trend ist aber seit einigen Jahren gestoppt. Es ist noch nicht geklärt, ob diese Entwicklung durch veränderte Umweltbedingungen verursacht wurde. Die seit 2008 geringere Nachwuchsproduktion ist nicht durch eine geringe Laicherbiomasse (also zu wenig Elterntiere) verursacht, sondern hängt wahrscheinlich mit Umweltveränderungen zusammen. Die vorhandenen Informationen reichen allerdings nicht aus, um einen Zusammenhang zwischen Nachwuchsproduktion und z.B. Temperatur, Strömungen oder Nahrungsverfügbarkeit herzustellen. [1142] [1205] [1206]

Wer und Wie

Die Bewirtschaftung erfolgt gemeinsam durch die Europäische Union und Norwegen. Die Parteien einigen sich auf gemeinsame Höchstfangmengen in den beiden Managementgebieten (niedergelegt in den agreed records of fisheries consultations). Der alte Managementplan ist nach Änderungen in der Bestandsberechnung und Überarbeitung der Referenzwerte 2016 nicht mehr anwendbar. Seit August 2018 ist ein neuer EU-Mehrjahresplan für Grundfischbestände in der Nordsee (MAP) in Kraft. Die Referenzwerte entsprechen dem Konzept des höchstmöglichen Dauerertrages (MSY), mit einer Spanne um Fmsy. Der Plan ist bisher nicht von Norwegen angenommen, der ICES gibt daher die Fangempfehlung auf Basis des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrags (MSY). Verschiedene Managementstrategien wurden vom ICES überprüft und eine EU-Norwegen-Arbeitsgruppe setzt ihre Arbeit fort, eine Langzeit-Managementstrategie für die gemeinsam bewirtschafteten Bestände zu entwickeln. Es werden zwei getrennte Höchstfangmengen (TACs) für den westlichen und für den östlichen Teil des Verbreitungsgebietes festgelegt (siehe „Karten“). Technische Maßnahmen richten sich nach EU- bzw. norwegischen Regeln (z.B. Referenzmindestgrößen für die Bestandserhaltung, saisonale Fanglimits, Gebietsschließungen). Seit Januar 2018 fallen die Fänge aus Nordsee und Skagerrak /Kattegat vollständig unter das Anlandegebot der EU (Details siehe unter Beifänge & Rückwürfe). [750] [1065] [1084] [1142] [1148] [1165] [1166] [1177] [1205] [1206]

Differenz zwischen Wissen­schaft und Management

Die wissenschaftliche Fangempfehlung beinhaltet Beifänge und Anlandungen unter der Mindestgröße. Die Höchstfangmengen (TACs) werden seit vielen Jahren dieser wissenschaftlichen Empfehlung entsprechend festgesetzt. Nach der im Februar 2019 nach unten korrigierten Fangempfehlung für 2019 wurden die bereits festgelegten Höchstfangmengen (TACs) gemeinsam mit Norwegen (neuer agreed record) angepasst. Die Anlande- bzw. Fangmengen wurden selten ganz ausgeschöpft, 2015 wurden jedoch beide TACs überschritten. [1065] [1142] [1177] [1205] [1206]

Karten

Verbreitungsgebiet

Managementgebiet

Der Bestand ist in der Nordsee (4), dem Skagerrak und Kattegat (3.a) und dem Gebiet westlich Schottlands (6) verbreitet. Im Norden kann es zur Vermischung mit Nordost-Arktischem Seelachs kommen. Es werden zwei getrennte Höchstfangemengen (TACs) festgesetzt: Eine für die Nordsee (inkl. EU-Gewässern von 2.a) mit Skagerrak/Kattegat (bis 2016 inkl. der gesamten Ostsee (22-32)), sowie eine für das Gebiet westlich Schottlands (inkl. EU- und internationalen Gewässern von 5.b, 12 und 14). [1065] [1177] [1205] [1206]

Anlandungen und legale Höchstfangmengen (TACs) (in 1.000 t)

Gesamtfang2019: 96,6 (Anlandungen 92,4, Rückwürfe: 4,2; Anlandungen unter der Mindestgröße: 0,2 (ohne Norwegen)); von den Anlandungen (2018): Grundschleppnetze 90%, Kiemennetze 4,8%, andere 5,2%
TACs 4, 3.a, 2.a (EU) & bis 2016 22-32/6, 5.b, 12, 14 EU & internat. Gewässer (Summe) 2009: 126/13 (139)   2010: 107/11 (118)   2011: 93/10 (103)   2012: 79/8 (87) 2013: 91,2/9,5 (100,7)   2014: 77,5/8,1 (85,6)   2015: 66,0/6,8 (72,9)  2016: 65,7/6,8 (72,5)   2017: 100,3/10 (110,3)   2018: 105,8/10,2 (116) 
2019: 93,6/9,7 (103,3)   2020: 79,8/8,3 (88,1)    [1065] [1142] [1177] [1205] [1206]

IUU-Fischerei

Trotz geltendem Anlandegebot (mit einigen Ausnahmen) wird, basierend auf Beobachterprogrammen, Seelachs zurückgeworfen. Die Rückwurfmenge war 2019 aber im Vergleich zum Vorjahr reduziert. Die Menge der gemeldeten Anlandungen unter der Mindestgröße (BMS) ist weiterhin gering (2018: 42 t, 2019 20 t). Norwegische BMS-Anlandungen sind hierin jedoch nicht enthalten, sie werden den regulären Anlandungen zugerechnet. [1142] [1205] [1206]

Struktur und Fangmethode

Fast alle Nordsee-Anrainerstaaten (Ausnahmen: Niederlande, Belgien) unterhalten gerichtete Fischereien, überwiegend mit Frischfischfängern, aber auch mit Vollfrostern (Fabrikschiffen). Seelachs wird in der Nordsee überwiegend in einer gerichteten Fischerei im tiefen Wasser entlang der nördlichen Schelfkante und in der Norwegischen Rinne gefangen. Hauptfangnation 2019 war hier Norwegen, gefolgt vom Vereinigten Königreich (UK), Frankreich, Deutschland und Dänemark. Westlich Schottlands fischen vor allem die französische und die UK-Flotte. [1142] [1205] [1206]

Beifänge und Rückwürfe

Seelachsfänge aus Nordsee und Skagerrak /Kattegat fallen seit Januar 2018, aus dem Gebiet westlich Schottlands seit Januar 2019, vollständig unter das Anlandegebot (sukzessive Einführung ab 2016). Es gibt Ausnahmen u.a. wegen Geringfügigkeit (Details siehe jeweilige EU-Verordnungen). Durch Fraß beschädigter Fisch ist vom Anlandegebot ausgenommen.
Junge Seelachse wachsen in Fjorden und sehr küstennah (Norwegen, Schottland, Shetland-Inseln) auf und werden deshalb auf den küstenfernen Fangplätzen für die Erwachsenen meist nicht mitgefangen. Der Rückwurf junger Fische ist in den küstenfernen Fischereien daher ein geringes Problem, höhere Beifänge und Rückwürfe junger Tiere gibt es jedoch um die Shetland Inseln. Fehlende, bzw. zu geringe Quote resultieren in der schottischen Flotte und in einigen dänischen und schwedischen Fischereien in Rückwürfen. Niedrige Preise und gemischte Fänge können zu „high grading“ (Rückwurf von marktfähiger Ware in Erwartung wertvollerer Fänge) führen. Rückwürfe werden fast vollständig erfasst ein kleiner Teil wird hochgerechnet. Die Rückwürfe betrugen 2013, 2014 und 2015 etwa 9%, 8% und 6% des Gesamtfanges (bezogen aufs Gewicht). 2016 stiegen sie auf 13%, der hohe Wert resultierte aus Meldungen der schottischen Fischerei. 2017 betrugen die Rückwürfe wieder 7%, 2018, trotz Einführung des Anlandegebotes, ebenfalls 7% und 2019 nur noch 4% des Gesamtfanges. Mit Einführung des Anlandegebotes werden seit 2016 Anlandungen unter der Mindestgröße (BMS) erfasst. Die gemeldeten BMS-Anlandungen waren bisher jedoch gering (2017: 0,5 t, 2018: 42 t, 2019: 20 t). Die BMS-Anlandungen aus Norwegen sind jedoch nicht hier, sondern in den regulärenAnlandezahlen enthalten. Die Seelachsfischerei gilt als fast rein: unerwünschte Beifänge von Nichtzielarten sind sehr gering, Beifang anderer Bodenfischarten kann aber vorkommen. [39] [72] [750] [979] [1148] [1142] [1165] [1166] [1205] [1206]

Einflüsse der Fischerei auf die Umwelt

Durch den Einsatz von Grundschleppnetzen können Bodenlebensgemeinschaften geschädigt werden. Artenzusammensetzung, Biomasse und Nahrungsgefüge können sich erheblich verändern. Beim Seelachsfang in der Nordsee können die Netze jedoch mit geringer Grundberührung eingesetzt werden, weil Seelachs deutlich oberhalb des Meeresbodens schwimmt. Beifänge geschützter Arten (Seevögel, Meeresäuger) sind in dieser Fischerei selten. [8] [30] [1142] [1205] [1206]

Biologische Besonder­heiten

Die Jungtiere und die Erwachsenen dieses Bestandes sind räumlich deutlich getrennt: 1-3 Jährige Nordsee-Seelachse leben an der norwegischen Küste und in den Fjorden, an der Küste der Shetland Inseln und vor Schottland. Im Alter 2-5 ziehen die Tiere auf die Nahrungsgründe in der nördlichen Nordsee und werden dort Ziel der internationalen Flotten. Durch diese Trennung treten, anders als bei den meisten Rundfischfischereien in der Nordsee, wenig Probleme mit dem Beifang von juvenilen Tieren der Zielart auf. Andererseits kann die Wissenschaft immer erst vier bis fünf Jahre nach der Geburt eines neuen Jahrgangs zuverlässige Angaben über dessen Stärke machen. [72] [1142] [1205] [1206]

Zusätzliche Informationen

Der Bestand war viele Jahre unternutzt, höhere Erträge wären auch nach dem Konzept des maximalen Dauerertrags möglich gewesen. Ursache hierfür waren vor allem Vermarktungsprobleme: Der Konsument schätzt das eher graue Filet des Seelachses nicht so wie das weiße anderer Rundfische. Durch die Struktur der Fischerei (überwiegend Frischfischfänger ohne Verarbeitung an Bord) war auch die Vermarktung in Form von Filetblöcken z.B. für die Fischstäbchenproduktion lange Zeit nicht möglich. Sogar Interventionskäufe wurden durch die EU durchgeführt, um den Marktpreis zu stützen. Eine Imagekampagne der Marktverbände ("Trendfisch Seelachs") und die Verwendung zumindest der nachhaltigkeitszertifizierten Ware auch für Fischstäbchen waren für die Förderung des Absatzes nützlich. [13] [14] [1142] [1205] [1206]

Soziale Aspekte

Die Seelachsfischerei in der Nordsee wird überwiegend mit kleineren und mittleren Fahrzeugen durchgeführt. Diese Fischereibetriebe haben erhebliche Bedeutung für die strukturschwachen Gebiete an den Küsten der Anrainerstaaten. Die Fahrzeuge fahren unter den Flaggen der Anrainerstaaten, die Arbeitsbedingungen an Bord und die Entlohnung erfolgt daher nach deren Regeln. [13] [14] [185] [1142] [1205] [1206]

Marktdaten Seelachs (Pollachius virens, Köhler)

2022 (vorl.):Verbrauch in Deutschland: 16.930 t (2021: 16.532 t), Marktanteil (Fische, Krebse, Weichtiere): 1,5 % (2021: 1,5 %) [13] [14]

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Klassifizierung nach dem Ansatz des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages (MSY), durch den ICES bis 2020 oder analog zu dessen Einteilung:

SymbolBiomasseBewirtschaftung (fischereiliche Sterblichkeit)
innerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwertangemessen oder unternutzt
außerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwertübernutzt
Zustand unklar, Referenzpunkte nicht definiert und/oder unzureichende DatenZustand unklar, Referenzpunkte nicht definiert und/oder unzureichende Daten
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