Bestandsdatenblatt

Nordost-Arktischer Seelachs

Gültig 06/2022 - 06/2023

Nordost-Arktischer Seelachs

gültig 06/2022 - 06/2023

Zum aktuellen Bestandsdatenblatt

Zugehörige Fischart

Seelachs

Allgemeine Informationen

Ökoregion:Barentsmeer (Nordost-Arktis), Norwegische See
Fanggebiet:Nordost-Arktis und Norw. See (1, 2.ab) FAO 27 (Nordostatlantik)
Art:Pollachius virens

Wissenschaftliche Begutachtung

Internationaler Rat für Meeresforschung (ICES), Kopenhagen, www.ices.dk

Methode, Frequenz

Jährliche analytische Bestandsberechnung mit Vorhersage unter Verwendung von Anlandedaten und einer wissenschaftlichen Forschungsreise. Alle vier Referenzwerte nach dem Vorsorgeansatz (Fpa, Flim, Bpa, Blim) sind definiert. Referenzwerte nach dem Konzept des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages sind nicht festgelegt. [1369]

Wesentliche Punkte

2022: Der Bestand liegt bezüglich Managementplan und Vorsorgeansatz weiterhin vollständig und weit im grünen Bereich. Die Laicherbiomasse ist erneut gestiegen und der Fischereidruck nochmals gesunken. [1369]

Bestands­zustand

Laicherbiomasse (Reproduktionskapazität)

  volle Reproduktionskapazität (nach Vorsorgeansatz)

  über dem Grenzwert (nach Managementplan)
 

  Referenzwerte nicht definiert (nach höchstem Dauerertrag)

 

Fischereiliche Sterblichkeit

  nachhaltig bewirtschaftet (nach Vorsorgeansatz)
 

  innerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwert (nach Managementplan)

  Referenzwerte nicht definiert (nach höchstem Dauerertrag)

Bestands­entwicklung

Die Anlandungen von nordostarktischem Seelachs erreichten 1970-76 Maximalwerte, 1970 und 1974 waren es über 250.000 Tonnen. Die fischereiliche Sterblichkeit (F) war zwischen 1974 und 1995 sehr hoch, konnte danach aber schnell deutlich unter die Referenzwerte nach Vorsorgeansatz (Fpa) und Managementplan (Fmgmt) reduziert werden. Zwischen 2005 und 2011 stieg die Sterblichkeit wieder an, lag 2010 bis 2012 über Fpa, konnte aber erneut reduziert werden und liegt seit 2013 wieder unter allen Referenzwerten. Die Laicherbiomasse war zu Beginn der Zeitreihe sehr hoch, sank aber mit zunehmendem Fischereidruck sehr schnell und lag Mitte der 1980er bis Anfang der 1990er Jahre sogar unter dem Limitreferenzwert (Blim). Ab Mitte der 1990er stieg sie wieder an und liegt seit 1996 über den Referenzwerten des Vorsorgeansatzes (Bpa) und des Managementplanes (Bmgmt). Mit dem ab 2005 wieder gestiegenen Fischereidruck nahm die Laicherbiomasse zwar erneut ab, blieb aber über allen Referenzwerten, und steigt seit 2012 wieder an. Die Nachwuchsproduktion liegt seit 2005 nah am Langzeitmittel. [37] [1369]

Ausblick

Der Bestand liegt vollständig im grünen Bereich (nach Vorsorgeansatz und Managementplan). Die Fangmengen können daher etwas steigen. [1369]

Umwelt­einflüsse auf den Bestand

Das Verbreitungs- und Wandermuster von Nordostarktischem Seelachs variiert, die Veränderungen konnten aber bisher nicht direkt bestimmten Umwelteinflüssen zugeordnet werden. Die Nachwuchsproduktion sinkt in Jahren mit geringerem Einstrom von Atlantikwasser. [1290] [1369]

Wer und Wie

Seelachs in der Nordostarktis wird vor allem vom Norwegischen Ministerium für Handel, Industrie und Fischerei bewirtschaftet. Seit Herbst 2007 gibt es einen Managementplan (Harvest control rule), der vom ICES als im Einklang mit dem Vorsorgeansatz bewertet wurde. Veränderungen der zulässigen Höchstfangmenge werden auf ±15% begrenzt. 2013 wurde der Zielwert für die fischereiliche Sterblichkeit reduziert und liegt nun unter dem des Vorsorgeansatzes (Fmgmt= 0,32). Der Plan ist Basis für die Fangempfehlung des ICES.
Russland legt eine eigene Quote für seine ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ) fest. Neben den Höchstfangmengen wird die Fischerei durch Mindestfanggrößen, Festlegung minimaler Maschenweiten, Sortiereinrichtungen, die maximal zulässige Menge von juvenilen Fischen als Beifang, Echtzeitschließungen, Gebietsbeschränkungen und saisonale Schließungen reguliert. [37] [39] [81] [1369]

Differenz zwischen Wissen­schaft und Management

Die Empfehlungen des ICES beziehen sich auf alle Fänge aus dem Bestand. Seit Inkrafttreten des Managementplanes stimmen die wissenschaftlichen Empfehlungen und die Entscheidung des norwegischen Managements über die Höchstfangmengen generell überein. Die Fänge in der russischen AWZ sind hier jedoch nicht enthalten. 2013 und 2014 hat das norwegische Institut für Meeresforschung (Havforskningsinstituttet) empfohlen, die Höchstfangmenge unterhalb der ICES-Empfehlung festzulegen, um den Unsicherheiten in der Bestandsberechnung Rechnung zu tragen, die Wahrscheinlichkeit einer nachhaltigen Nutzung zu erhöhen und eine gute Reproduktionskapazität zu gewährleisten. Dieser Empfehlung wurde Folge geleistet: Die Fangmenge wurde jeweils um die nach Managementplan maximal möglichen 15% reduziert. Sie lag somit auch 15% unter der ICES-Empfehlung. Seit 2015 wird die Quote wieder gemäß der ICES Empfehlung festgelegt. Die Fangmengen (alle Nationen) lagen 2015, 2016, 2018 und 2019 über der norwegischen Quote und lagen somit über der wissenschaftlichen Empfehlung. Die Wissenschaft empfiehlt außerdem, die Beifänge von Goldbarsch und Küsten-Kabeljau, die sich in schlechtem Zustand befinden, möglichst gering zu halten. [37] [39] [81] [1290] [1369]

Karten

Verbreitungsgebiet

Managementgebiet

Verbreitungs- und Managementgebiete decken sich. Der Bestand ist hauptsächlich entlang der norwegischen Küste, von der Kola-Halbinsel im Nordosten bis zur Halbinsel Stad im Süden (etwa 62°N) verbreitet. Die südliche Grenze dient eher Managementaspekten, als dass sie eine natürliche Begrenzung des Bestandes ist, der auch Wanderungen in die Nordsee und nach Island unternehmen kann. Russland legt für seine ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ) eine eigene kleine Quote fest. [1290] [1369]

Anlandungen und legale Höchstfangmengen (TACs) (in 1.000 t)

GesamtfangAnlandungen 2021: 188,2 davon Schleppnetze 43,4%, Ringwaden 16,4%, Kiemennetze 15,7%, andere 24,5%
TACs (ohne Russland-AWZ)2011: 173,0   2012: 164,0   2013: 140,0   2014: 119,0   2015: 122,0   2016: 140,0   2017: 150,0   2018: 172,5   2019: 149,6   2020: 172,0   2021: 197,8    2022: 197,2    [39] [81] [1369]

IUU-Fischerei

Es gibt keine Hinweise auf unberichtete oder illegale Fänge von Nordostarktischem Seelachs. [1369]

Struktur und Fangmethode

2019 wurden 88% der Seelachs-Anlandungen von der norwegischen Flotte getätigt. Über den Tausch von Quoten erhalten weitere Länder Fischereirechte auf diesen Bestand. Die Fischerei mit Kiemennetzen ist im Winter am aktivsten, im Sommer wird mehr mit Ringwaden gefischt. Ringwadenfischerei wird vor allem vor der Küste und in den Fjorden durchgeführt. Schleppnetze werden ganzjährig eingesetzt. [39] [1290] [1369]

Beifänge und Rückwürfe

Rückwurfe von quotierten Arten sind in Norwegen als auch in Russland verboten, können jedoch vorkommen, vor allem wenn Fischereien auf andere Zielarten (wie z.B. Kabeljau) keine Seelachsquote besitzen oder die vorhandene bereits ausgeschöpft ist. Auch „slipping“ (Verwerfen des gesamten Fanges) kommt in der Ringwadenfischerei gelegentlich vor, z.B. wenn zu viele untermaßige Fische im Fang enthalten sind. Da junge Seelachse eher küstennah verbreitet sind, sind sie für die meisten Fischereien aber kaum erreichbar. Wenn zu viele untermaßige Fische in den Fängen vorkommen (mehr als 15%), werden einzelne Gebiete zeitnah für die Fischerei geschlossen. Es gibt keine gesicherten Zahlen über Seelachs-Rückwürfe, sie werden aber als vernachlässigbar angenommen. In einigen Fischereien kommt es zu Beifang von Küsten-Kabeljau und Goldbarsch. Diese können Aufgrund des schlechten Zustandes dieser Bestände problematisch sein. Der Beifang nicht kommerziell genutzter Arten ist gering (hauptsächlich Klieschen, Haie und Rochen). Auch Meeressäuger und Vögel werden selten beigefangen. [1290] [1369]

Einflüsse der Fischerei auf die Umwelt

Durch den Einsatz von Grundschleppnetzenkönnen Bodenlebensgemeinschaften geschädigt werden. Artenzusammensetzung, Biomasse und Nahrungsgefüge können sich erheblich verändern. Der Einfluss hängt aber auch von Fangmethode und Bodenstruktur ab. Auf sandigem Boden hat eine Studie in den USA nur einen geringen Einfluss durch Grundscherbrettnetze feststellen können. So waren zwar die Spuren der Scherbretter lange sichtbar (mindestens ein Jahr), es konnten aber kaum signifikante Unterschiede in der Mikrotopographie der befischten und unbefischten Gebiete nachgewiesen werden. Auch bei strukturformenden und mobilen Wirbellosen zeigten befischte und unbefischte Gebiete keine signifikanten Unterschiede. In der Nordost-Arktis können Grundschleppnetze vor allem einen negativen Effekt auf empfindliche Bodenlebewesen-Gemeinschaften haben, die auf Hartsubstrat vorkommen. Besonders empfindlich sind Schwämme und Kaltwasser-Korallen. Die Kartierung der Kaltwasser-Riffe schreitet stetig voran, in einigen Gebieten ist zum Schutz dieser Riffe der Einsatz von Grundschleppnetzen verboten. Beim Seelachsfang können die Netze allerdings fast ohne Grundberührung eingesetzt werden. Ringwaden haben keinen Einfluss auf den Meeresboden, da sie ihn in der Regel nicht berühren. Verlorengegangene Geräte wie Kiemennetze können für eine gewisse Zeit weiterfischen (ghost fishing).
Durch die Erwärmung der Arktis sind vormals unzugängliche Gebiete nun eisfrei und damit erstmals für die Fischerei erreichbar. Die EU und ihre arktischen Partner sind daher übereingekommen eine unkontrollierte Fischerei auf hoher See in der Arktis zu verhindern. Das Abkommen ist am 25. Juli 2021 in Kraft getreten. [7] [8] [30] [37] [39] [83] [149] [178] [808] [1038] [1282]

Biologische Besonder­heiten

Seelachs unternimmt Wanderungen zu Fraß- und Laichgebieten. Markierungsexperimente ergaben auch weite Wanderungen zwischen Beständen, z.B. von jungen Tieren in die Nordsee und von älteren Tieren nach Island und zu den Färöer Inseln. Der nordostarktische Seelachs wird mit etwa 5-7 Jahren geschlechtsreif. Hauptlaichgründe liegen zwischen den Lofoten und der Nordsee, wo im Februar bei Wassertemperaturen von 6-10°C gelaicht wird. Die Larven driften nach Norden, wachsen küstennah in den Fjorden auf und wandern mit 2-4 Jahren in offeneres Wasser vor der norwegischen Küste. [37] [39] [1290] [1369]

Zusätzliche Informationen

Dieser Bestand ist ein wichtiger Räuber junger Heringe, Schellfische und Stintdorsche. [1290] [1369]

Soziale Aspekte

Die Fischerei auf nordostarktischen Seelachs wird hauptsächlich von norwegischen Schiffen betrieben. Ein kleiner Teil entfällt auf andere Nationen. Die Arbeitsbedingungen an Bord und die Entlohnung erfolgen nach den jeweiligen Landesregeln. [13] [39] [1290] [1369]

Marktdaten Seelachs (Pollachius virens, Köhler)

2022 (vorl.):Verbrauch in Deutschland: 16.930 t (2021: 16.532 t), Marktanteil (Fische, Krebse, Weichtiere): 1,5 % (2021: 1,5 %) [13] [14]

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Klassifizierung nach dem Ansatz des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages (MSY), durch den ICES bis 2020 oder analog zu dessen Einteilung:

SymbolBiomasseBewirtschaftung (fischereiliche Sterblichkeit)
innerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwertangemessen oder unternutzt
außerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwertübernutzt
Zustand unklar, Referenzpunkte nicht definiert und/oder unzureichende DatenZustand unklar, Referenzpunkte nicht definiert und/oder unzureichende Daten
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