Bestandsdatenblatt

Schwarzer Heilbutt Nordost-Arktis

Gültig 06/2023 - 06/2024

Allgemeine Informationen

Ökoregion:Barentsmeer (Nordost-Arktis), Norwegische See
Fanggebiet:Nordost-Arktis (1), Nordsee (4), Norwegische See (2) FAO 27 (Nordostatlantik)
Art:Reinhardtius hippoglossoides

Wissenschaftliche Begutachtung

Havforskningsinstituttet (Institute of Marine Research, IMR), Norwegen www.hi.no/en und Russian Federal Research Institute of Fisheries and Oceanography, Polar Branch (PINRO), Russland, www.pinro.vniro.ru/en, gemeinsam in der neu konstituierten Joint Russian-Norwegian Arctic Fisheries Working Group (JRN-AFWG) und nach Methodik des Internationalen Rates für Meeresforschung (ICES). Wegen der auf den Beginn des Ukrainekrieges folgenden Suspendierung Russlands aus dem ICES ist dieser seit 2023 nicht mehr in der Lage, eine abgestimmte Berechnung und Bewirtschaftungsempfehlung für einige arktische Bestände zu erarbeiten.

Methode, Frequenz

Jährliche (ab 2024 voraussichtlich wieder alle zwei Jahre) analytische Bestandsberechnung mit Vorhersage unter Verwendung von Anlandedaten und Daten aus drei unabhängigen wissenschaftlichen Forschungsreisen. Die Referenzwerte für den höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrag (MSY Btrigger (=Bpa) und HRmsy für die Nutzungsrate (harvest rate)) sind definiert. Die Referenzwerte nach Vorsorgeansatz sind ebenfalls festgelegt (Bpa, Blim, HRpa, HRlim). [1411] [1433]

Wesentliche Punkte

2023: Die Begutachtungsmethode für Schwarzen Heilbutt Nordost-Arktis wurde 2023 überarbeitet („benchmark“). Dabei wurden auch die Referenzwerte angepasst. Die neue Berechnungsmethode resultiert in deutlich niedrigeren Biomassewerten und höherer Nutzungsrate (harvest rate).
Die Biomasse nimmt weiter ab, liegt aber noch über dem Referenzwert nach dem höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrag (MSY Btrigger). Auch die gesamte fischbare Biomasse zeigt eine starke Abnahme. Die Nutzungsrate liegt über HRmsy, ist also zu hoch. Festgelegte Höchstfangmengen (TACs) und Fänge aus diesem Bestand liegen seit Jahren teilweise erheblich über der wissenschaftlichen Empfehlung.
Begutachtung und auch Fangempfehlung für Schwarzen Heilbutt Nordost-Arktis erfolgen seit 2022 nicht mehr durch den ICES, sondern durch die neu konstituierte Joint Russian-Norwegian Arctic Fisheries Working Group (JRN-AFWG). [1411] [1433]

Bestands­zustand

Laicherbiomasse (Reproduktionskapazität)

 volle Reproduktionskapazität (nach Vorsorgeansatz)

  Referenzwerte nicht definiert (nach Managementplan)

  innerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwert (nach höchstem Dauerertrag)

 

Fischereiliche Sterblichkeit

  nicht nachhaltig bewirtschaftet (nach Vorsorgeansatz)

  Referenzwerte nicht definiert (nach Managementplan)

  übernutzt (nach höchstem Dauerertrag)

 

Bestands­entwicklung

Bis in die frühen 1960er Jahre wurde dieser Schwarzer Heilbutt Nordost-Arktis überwiegend in einer küstennahen Langleinen-Fischerei vor der östlichen Finnmark und den Vesterålen (Nordnorwegen) gefangen (etwa 3.000 t jährlich). Mitte der 1960er Jahre kamen internationale Schleppnetzfischer dazu, und die Anlandungen stiegen in den frühen 1970ern bis auf 80.000 t. Die Fänge nahmen schnell wieder ab und schwankten zwischen 1973 und 1991 (Grafik ab 1980) zwischen 15.000 und 40.000 t, mit den höchsten Fangmengen am Anfang und Ende dieser Periode. 1992-2009 war die gerichtete Schleppnetzfischerei verboten, die Anlandungen aus anderen Fischereien und aus Beifängen lagen in dieser Zeit zwischen 9.000 und 19.000 t. Seit 2010 ist die gerichtete Schleppnetzfischerei wieder geöffnet. Die Biomasse (Weibchen) nahm in den 1980er Jahren bis Anfang der 1990er ab, wuchs dann wieder an, nimmt aber seit 2015 wieder deutlich ab. Derzeit liegt sie aber noch über allen definierten Referenzwerten. Die Nutzungsrate steigt seit 2010 stark an und liegt seit 2018 über allen Referenzwerten, also im roten Bereich. Die Nachwuchsproduktion ist derzeit unterdurchschnittlich, es gibt aber Hinweise (unsicher) auf eine starke Nachwuchsproduktion 2019. [39] [1411] [1433]

Ausblick

Die Nachwuchsproduktion von Schwarzem Heilbutt Nordost-Arktis ist derzeit schwach. Außerdem ist der Fischereidruck zu hoch (über Fmsy). Dies führt zu einer Abnahme der Biomasse. Die Fangmengen müssen daher weiter reduziert werden. Es gibt aber Hinweise (unsicher) auf eine gute Nachwuchsproduktion 2019 und der Bestand könnte wieder wachsen, wenn die Höchstfangmengen im Rahmen der wissenschaftlichen Empfehlungen festgelegten würden. [1411] [1433]

Umwelt­einflüsse auf den Bestand

Schwarzer Heilbutt kommt in einem weiten Tiefen- (20 bis 2.200 m) und Temperaturbereich (-1,5 bis 10°C) vor. [1411] [1433]

Wer und Wie

Das Management von Schwarzem Heilbutt Nordost-Arktis erfolgt gemeinsam durch Norwegen und die Russische Föderation durch die „Joint Norwegian-Russian Fisheries Commission“ (JNRFC). Es gibt jedoch keinen spezifischen Managementplan. Von 1992 bis 2009 war die gerichtete Schleppnetzfischerei auf diesen Bestand geschlossen, die norwegischen Behörden haben für die küstennahe Fischerei jedoch eine Ausnahme zugelassen. Seit 2010 ist das Fangverbot aufgehoben. Die Höchstfangmenge (TAC) geht zu 51% an Norwegen, 45% an Russland und 4% an andere Staaten. Seit Januar 2011 sind die technischen Regularien von Norwegen und Russland aufeinander abgestimmt. Die Fischerei wird außerdem über saisonale Schließungen reguliert. Außerdem gibt es noch einen kleinen TAC für UK, EU- und internationale Gewässer von ICES-Gebieten 2.a, 4, 5.b und 6, auf den die Fänge aus diesem Bestand in 2.a und 4 angerechnet werden. Diese Fänge gehen nicht in die Bestandsberechnung ein. Darin enthalten ist eine kleine Norwegische Quote in den UK-Gewässern der ICES-Gebiete 2.a. 5.b, 6 (wird seit dem Brexit zwischen UK und Norwegen ausgehandelt). Außerdem gibt es zwei Beifangquoten in internationalen und norwegischen Gewässern der Gebiete 1 und 2. [81] [1008] [1384] [1411] [1433]

Differenz zwischen Wissen­schaft und Management

Von 1995 bis 2000 empfahl der ICES eine Schließung der Fischerei. Während die gerichtete Schleppnetzfischerei von 1992 bis 2009 verboten war, legte Norwegen eine niedrige Quote (2.500 t) für die Langleinen- und Kiemennetz-Fischerei mit Fahrzeugen kleiner als 28 m fest. Die Gesamtanlandungen aus dieser Fischerei plus erlaubter Beifang aus Schleppnetzen lagen mit 10.000 bis 19.000 t weit über der wissenschaftlichen Empfehlung. Von 2001 bis 2009 wurden Höchstfangmengen von weniger als 11.000 bzw. 13.000 t empfohlen. Da die norwegische Quote sowie die Gesamtanlandungen den Vorjahren entsprachen, kam es auch in dieser Zeit meist zu einer höheren Entnahme als empfohlen. Seit 2010 ist auch die gerichtete Schleppnetzfischerei wieder geöffnet. Seitdem liegen Höchstfangmengen (TACs) der Joint Norwegian-Russian Fisheries Commission und Fänge teilweise erheblich über der wissenschaftlichen Empfehlung. Ein Problem ist wahrscheinlich die Regulierung der Beifänge. Die regelmäßige Überschreitung der wissenschaftlichen Fangempfehlung birgt die Gefahr, dass der Bestand unter die Referenzwerte sinkt. [81] [1384] [1411] [1433] [1434]

Karten

Verbreitungsgebiet

Managementgebiet

Dieser Bestand ist entlang des Kontinentalabhangs von den Färöer- und Shetland-Inseln bis in den Norden von Spitzbergen verbreitet. Höchste Dichten von schwarzem Heilbutt treten zwischen Norwegen und der Bäreninsel (ICES-Gebiete 1 und 2) auf, er wird aber auch in geringen Mengen in der nördlichen Nordsee (Gebiet 4.a) gefischt. Der Schwarze Heilbutt in den Gebieten 1 und 2 wird als ein Bestand begutachtet (Fänge aus Gebiet 4.a gehen hier nicht ein), die genaue Bestandsstruktur ist jedoch nicht bekannt (siehe auch unter „Zusätzliche Informationen“). [39] [1411] [1433]

Anlandungen und TACs (in 1.000 t)

Gesamtfang2022: 27,0 (ICES-Gebiet 1 und 2), davon Schleppnetze 62%, Langleinen 24%, Kiemennetze 11%, andere 4%
TACs (Norwegen & Rußland/2.a, 4, 5.b, 6) 2012: 18,0/0,5   2013: 18,0/2,0   2014: 18,0/2,0   2015: 18,0/2,5   2016: 22,0/2,5   2017: 24,0/2,5   2018: 27,0/2,5   2019: 27,0/2,5   2020: 27,0/2,5   2021: 27,0/2,6   2022: 25,0/2,6   2023: 25,0/2,6   [1008] [1384] [1411] [1433]

IUU-Fischerei

Die Fänge aus diesem Bestand liegen über den festgelegten Höchstfangmengen (TACs). Ein Problem ist wahrscheinlich die Regulierung der Beifänge. [1411] [1433] [1434]

Struktur und Fangmethode

Die Fischerei auf diesen Bestand des Schwarzen Heilbutts wird in einer gerichteten Fischerei mit Schleppnetzen, Langleinen und Kiemennetzen durchgeführt. Er ist außerdem Beifang in der Schleppnetz-Fischerei auf andere bodenlebende Arten. In den letzten Jahren haben Norwegen und Russland 90-95% der Anlandungen getätigt. Außerdem fischen Flotten aus Island, den Färöer-Inseln, UK und der EU auf diesen Bestand. [1411] [1433]

Beifänge und Rückwürfe

Rückwürfe von quotierten Arten wie schwarzem Heilbutt sind in Norwegen und Russland illegal. In dieser Fischerei sind Rückwürfe wahrscheinlich selten und werden nicht als Problem angesehen. [39] [1411] [1433]

Einflüsse der Fischerei auf die Umwelt

Durch den Einsatz von Grundschleppnetzen können Bodenlebensgemeinschaften geschädigt werden. Sie fangen neben den Zielarten auch Arten, die nicht kommerziell genutzt werden und deren Entnahme einen Einfluss auf das Ökosystem haben kann. Der Einfluss hängt aber auch von Fangmethode und Bodenstruktur ab. Auf sandigem Boden hat eine Studie in den USA nur einen geringen Einfluss durch Grundscherbrettnetze feststellen können. So waren zwar die Spuren der Scherbretter lange sichtbar (mindestens ein Jahr), es konnten aber kaum signifikante Unterschiede in der Mikrotopographie der befischten und unbefischten Gebiete nachgewiesen werden. Auch bei strukturformenden und mobilen Wirbellosen zeigten befischte und unbefischte Gebiete keine signifikanten Unterschiede. In der Nordost-Arktis können Grundschleppnetze vor allem einen negativen Effekt auf empfindliche Bodenlebewesen-Gemeinschaften haben, die auf Hartsubstrat vorkommen. Besonders empfindlich sind Schwämme und Kaltwasser-Korallen. Die Kartierung der Kaltwasser-Riffe schreitet stetig voran, auch Fischer versuchen den Kontakt mit Riffen zu vermeiden, um ihr Gerät zu schonen. In einigen Gebieten ist zum Schutz dieser Riffe der Einsatz von Grundschleppnetzen verboten.
In der Fischerei mit Langleinen können Nicht-Zielarten (z.B. Haie und Seevögel) beigefangen werden. Verlorengegangene Geräte wie Kiemennetze können für eine gewisse Zeit weiterfischen („ghost fishing“).
Durch die Erwärmung der Arktis sind vormals unzugängliche Gebiete nun eisfrei und damit erstmals für die Fischerei erreichbar. Die EU und ihre arktischen Partner sind daher übereingekommen, eine unkontrollierte Fischerei auf hoher See in der Arktis zu verhindern. Das Abkommen ist am 25. Juli 2021 in Kraft getreten. [7] [8] [30] [83] [149] [178] [808] [1038] [1282]

Biologische Besonder­heiten

Schwarzer Heilbutt ist ein besonders großer Plattfisch, der über 1 m lang werden kann. Anders als andere Plattfischarten ist er auf beiden Körperseiten pigmentiert und das zweite Auge wandert nicht gänzlich auf die spätere Körperoberseite. Beide Merkmale weisen darauf hin, dass schwarzer Heilbutt nicht nur am Boden lebt, sondern auch in der freien Wassersäule angetroffen werden kann. [31] [229]

Zusätzliche Informationen

Die genaue Struktur dieses Bestandes ist nicht bekannt. Wahrscheinlich findet in geringem Maße ein Austausch mit anderen Beständen statt, zum einen durch Larvendrift nach Grönland, zum anderen durch Wanderungen von erwachsenen Tieren zwischen dem Barentsmeer und Island sowie den Färöer-Inseln. Das Hauptlaichgebiet liegt wahrscheinlich zwischen dem norwegischen Festland und der Bäreninsel. [37] [1411] [1433]

Zertifizierte Fischereien

Zwei Fischereien auf diesen Schwarzen Heilbutt Bestand sind nach den Standards des Marine Stewardship Councils (MSC) zertifiziert. [4] Siehe
fisheries.msc.org/en/fisheries/norway-greenland-halibut/@@view
fisheries.msc.org/en/fisheries/russia-barents-sea-greenland-halibut/@@view  

Soziale Aspekte

Die Fahrzeuge in der Norwegensee und in der Barentssee fahren unter norwegischer, russischer, färörer, isländischer, UK oder EU-Flaggen, die Arbeitsbedingungen an Bord und die Entlohnung erfolgt daher nach den (sehr unterschiedlichen) Regeln dieser Staaten. [13] [39] [1411] [1433]

Marktdaten: Alle Heilbuttarten auf dem deutschen Markt zusammengefasst.

2022 (vorl.): Verbrauch in Deutschland: 1.204 t (2021: 5.970 t), Marktanteil (Fische, Krebse, Weichtiere): 0,1 % (2021: 0,5 %) [13] [14]

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Klassifizierung nach dem Ansatz des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages (MSY), durch den ICES bis 2020 oder analog zu dessen Einteilung:

SymbolBiomasseBewirtschaftung (fischereiliche Sterblichkeit)
innerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwertangemessen oder unternutzt
außerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwertübernutzt
Zustand unklar, Referenzpunkte nicht definiert und/oder unzureichende DatenZustand unklar, Referenzpunkte nicht definiert und/oder unzureichende Daten
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