Bestandsdatenblatt

Nordsee-Schellfisch

Gültig 06/2011 - 06/2012

Nordsee-Schellfisch

gültig 06/2011 - 06/2012

Zugehörige Fischart

Schellfisch

Allgemeine Informationen

Ökoregion:Nordsee
Fanggebiet:Nordsee (4, 3.a20) FAO 27
Art:Melanogrammus aeglefinus

Wissenschaftliche Begutachtung

Internationaler Rat für Meeresforschung (ICES), Kopenhagen, www.ices.dk

Methode, Frequenz

Jährliche analytische Bestandsberechnung mit Vorhersage unter Verwendung von Fangdaten und drei unabhängigen wissenschaftlichen Forschungsreisen, Rückwürfe und Beifang in der Industriefischerei gehen in die Berechnungen ein. Alle vier Referenzwerte nach dem Vorsorgeansatz (Fpa, Flim, Bpa, Blim) und zwei Referenzwerte nach dem Konzept zur Erlangung des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages (Btrig, Fmsy) sind definiert. [244] [243]

Wesentliche Punkte

2011: Der Bestand ist nach allen Managementansätzen vollständig im grünen Bereich. Der Bestand wird damit als einer der wenigen europäischen Bestände bereits nach dem anspruchsvollen Konzept zur Erlangung des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages (MSY) bewirtschaftet. Die Laicherbiomasse ist etwas gestiegen, und bei den Rückwürfen konnte eine leichte Abnahme verzeichnet werden. [244] [243]

Bestands­zustand

Laicherbiomasse (Reproduktionskapazität)

  volle Reproduktionskapazität (nach Vorsorgeansatz)

  über dem Grenzwert (nach Managementplan)

  innerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwert (nach höchstem Dauerertrag)

 

Fischereiliche Sterblichkeit
 

  nachhaltig bewirtschaftet (nach Vorsorgeansatz)

  innerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwert (nach Managementplan)

  angemessen (nach höchstem Dauerertrag)

 

Bestands­entwicklung

Die Fischerei auf diesen Bestand wird im wesentlichen von gelegentlich auftretenden, sehr starken Jahrgängen getragen, die zu einer raschen Zunahme der Laicherbiomasse führen. Zwischen diesen Ereignissen ist die Nachwuchsproduktion sehr gering. Herausragende Jahrgänge sind 1967, 1974 und 1999 aufgetreten, diese haben über viele Jahre eine gute Fischerei ermöglicht. Die Jahrgänge 2006-2008 und 2010 waren schwach, nur 2005 und 2009 waren etwas stärker. Die fischereiliche Sterblichkeit war über den größten Teil der Zeitreihe viel zu hoch, vor allem durch erhebliche Rückwürfe in der gemischten Rundfischfischerei, und konnte erst seit Beginn dieses Jahrtausends auf ein nachhaltiges Maß gesenkt werden. Ursache hierfür waren die vielfältigen Bemühungen, den überfischten Nordsee-Kabeljau wieder aufzubauen. Dies führt nun zu einer Stabilisierung der Biomasse. [243] [244]

Ausblick

Die Laicherbiomasse wird 2012 weiter ansteigen, weil der stärkere 2009er Jahrgang geschlechtsreif wird. Basierend auf dem Managementplan können die Höchstfangmengen (TACs) für 2012 um 15% erhöht werden. [244]

Umwelt­einflüsse auf den Bestand

Das Wachstum von Schellfisch in der Nordsee hängt von der Wassertemperatur ab. Warmes Wasser führt zu schnellerem Wachstum in den frühen Lebensstadien, aber auch zu früherer Geschlechtsreife und somit zu geringeren maximalen Längen. Ursache und Auslöser für das bemerkenswerte unregelmäßige Auftreten sehr starker Jahrgänge sind nicht bekannt. [244] [243]

Wer und Wie

Das Management erfolgt durch die Europäische Union und Norwegen. Ein Managementplan ist seit 2005 in Kraft. Dieser Plan wurde vom ICES als in Übereinstimmung mit dem Vorsorgeansatz bewertet und ist Basis für Fangempfehlung und Festsetzung der TACs. 2008 wurde der Plan leicht überarbeitet, um eine geringfügige Übertragbarkeit der Quoten zwischen den Jahren zu ermöglichen. Weitere Managementinstrumente sind Verordnungen zu Maschenweiten und Mindestanlandelängen (MLS). Die seit 1998 zunehmend implementierten Schutzmaßnahmen für den Nordsee-Kabeljau haben zwar nicht zu einer Erholung dieses Bestandes geführt, hatten aber eindeutig sehr positive Auswirkungen auf den Nordsee-Schellfischbestand. [243] [244] [245]

Differenz zwischen Wissen­schaft und Management

Das Management befolgt seit 2008 den Bewirtschaftungsplan, der auch die Basis für die wissenschaftliche Empfehlung bildet. Wissenschaftliche Empfehlung und festgesetzte Höchstfangmengen stimmen also gut überein. 2010 wurde der TAC zu etwa 76% ausgefischt. [244] [243]

Karten

Verbreitungsgebiet

Managementgebiet

Die Empfehlungen des ICES werden für die Nordsee (IV) und das Skagerrak (IIIaN) gegeben. Die Höchstfangmengen (TACs) hingegen werden für IV und den EU-Teil von IIa getrennt von dem gesamten Gebiet III (Skagerrak/Kattegat und EU-Gebiete der eigentlichen Ostsee) festgelegt. [167] [244]

Anlandungen und TACs (in 1.000 t)

Gesamtfang2010: 39,6; Anlandungen: 29,1; Angelandete Beifänge in der Industriefischerei: 0,4; Rückwürfe: 10,2; davon 2009 Grundschleppnetze und Umkreisungsnetze 80%, Kaisergranat-Schleppnetze: 10%, andere 10%
TACs 4 & 2.a (EU) / 32007: 55,0/3,4 2008: 46,0/2,9 2009: 42,1/2,6 2010: 35,8/2,2
2011: 34,1/2,1 [167] [244]

IUU-Fischerei

Es gibt keine Hinweise auf illegale oder unberichtete Fänge von Nordsee-Schellfisch. Die Anlandemengen waren in den letzten 20 Jahren fast immer geringer als die legalen Höchstfangmengen (TACs), in einzelnen Jahren betrugen sie nur die Hälfte der TACs. [244]

Struktur und Fangmethode

Schellfisch wird in der Nordsee überwiegend mit Grundschleppnetzen gefangen, zu einem kleineren Teil mit Umkreisungsnetzen. Er wird überwiegend in der gemischten Rundfischfischerei mit Kabeljau und Wittling gefangen (und kann hier auch Zielart sein), oder als Beifang in der Kaisergranatfischerei. Die schottische Flotte fängt den größten Anteil dieses Bestandes. [244]

Beifänge und Rückwürfe

Schellfisch wird als weniger wertvoll angesehen als Kabeljau und ist schwieriger zu vermarkten. Daher kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Rückwürfen großer Mengen anlandefähigen Schellfischs, um den Platz an Bord für Kabeljau vorzuhalten. Noch 2007 wurde ebensoviel Schellfisch verworfen wie für den menschlichen Verzehr angelandet. Selbst nach dem Verbot des highgradings (Rückwurf marktfähiger Ware in Erwartung wertvollerer Fänge) in Nordsee und Skagerrak 2009 (ausgedehnt auf alle ICES-Gebiete 2010) wird davon ausgegangen, dass noch immer bis zu 25% der Gesamtfänge verworfen werden. Beifänge von Schellfisch in der Industriefischerei spielen seit 2003 keine Rolle mehr. Grundschleppnetze fangen neben den Zielarten auch Arten, die nicht kommerziell genutzt werden, deren Entnahme kann einen Einfluss auf das Ökosystem haben. [244] [243] [9] [49] [241]

Einflüsse der Fischerei auf die Umwelt

Durch den Einsatz von Grundschleppnetzen kann der Meeresboden geschädigt werden. Artenzusammensetzung, Biomasse und Nahrungsgefüge können sich erheblich verändern. [7] [8] [30] [244]

Biologische Besonder­heiten

Dieser Bestand wird als ein „spasmodic spawner“ bezeichnet: Alle paar Jahre produziert er einen sehr starken Nachwuchsjahrgang, der dann zu einem schnellen Anstieg der Laicherbiomasse führt und die Fischerei über viele Jahre tragen kann. Zwischen diesen Ereignissen ist die Nachwuchsproduktion sehr gering. Herausragende Jahrgänge sind 1967, 1974 und 1999 aufgetreten. [244] [243]

Zusätzliche Informationen

Die gemischte Rundfischfischerei in der Nordsee lässt sich wie die gemischte Plattfischfischerei kaum sinnvoll mit einem Ein-Arten Ansatz bewirtschaften: Die gemeinsam gefangenen Arten liefern sehr unterschiedliche Anlandeerlöse und deshalb werden die weniger wertvollen Arten in erheblichem Umfang verworfen.
Mit Rückgang des Kabeljaus ist vermehrt Nordsee-Schellfisch die Basis für das berühmte britische Gericht „Fish and Chips“. [4] [243] [244]

Zertifizierte Fischereien

Eine Fischerei auf Schellfisch in der Nordsee ist seit 2010 nach den Standards des Marine Stewardship Councils zertifiziert (2010: ca. 80% der Anlandungen), eine weitere ist im Zertifizierungsverfahren. [4]

Soziale Aspekte

Schellfisch wird mit mittleren und großen Fahrzeugen aller Nordsee-Anrainer gefangen. Die meisten Anlandungen werden vom Vereinigten Königreich getätigt (vor allem Schottland). Die Fahrzeuge fahren unter den Flaggen der Anrainerstaaten, die Arbeitsbedingungen an Bord und die Entlohnung erfolgt daher nach deren Regeln. [13] [244]

AutorJahrTitelQuelle
[4]Marine Stewardship Council (MSC)Fisch und Meeresfrüchte aus zertifiziert nachhaltiger Fischereimsc.org
[7]Kaiser MJ, Ramsay K, Ramsay K, Richardson CA, Spence FE, Brand AR2000Chronic fishing disturbance has changed shelf sea benthic community structure Journal of Animal Ecology 69:494-503
[8]Hiddink JG, Jennings S, Kaiser MJ, Queirós AM, Duplisea DE, Piet GJ2006Cumulative impacts of seabed trawl disturbance on benthic biomass, production, and species richness in different habitats Canadian Journal of Fisheries and Aquatic Sciences 63:721-736
[9]Europäische Union (EU)2009Verordnung (EG) Nr. 43/2009 zur Festsetzung der Fangmöglichkeiten und begleitenden Fangbedingungen für bestimmte Fischbestände und Bestandsgruppen in den Gemeinschaftsgewässern sowie für Gemeinschaftsschiffe in Gewässern mit Fangbeschränkungen (2009)europa.eu
[13]Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) Homepageble.de
[14]Fisch-Informationszentrum e.V. (FIZ)Fisch-Informationszentrum e.V. Homepagefischinfo.de
[30]Food and Agriculture Organization (FAO)FAO. © 2003-2010. Fisheries Topics: Technology. Fish capture technology. In: FAO Fisheries and Aquaculture Department [online]. Rome. Updated 2006 15 09.[Cited 10 June 2010]fao.org
[49]Europäische Union (EU)2009Verordnung (EG) Nr. 1288/2009 des Rates zur Festlegung technischer Übergangsmaßnahmen für den Zeitraum vom 1. Januar 2010 bis zum 30. Juni 2011europa.eu
[167]Europäische Union (EU)2011Verordnung (EU) Nr. 57/2011 des Rates vom 18. Januar 2011 zur Festsetzung der Fangmöglichkeiten für bestimmte Fischbestände und Bestandsgruppen in den EU-Gewässern sowie für EU-Schiffe in bestimmten Nicht-EU-Gewässern (2011)europa.eu
[241]Europäische Union (EG)2011Verordnung (EU) Nr. 579/2011 des europäischen Parlaments und des Rates vom 8. Juni 2011 zur Änderung der Verordnung (EG) Nr. 850/98 des Rates zur Erhaltung der Fischereiressourcen durch technische Maßnahmen zum Schutz von jungen Meerestieren und der Verordnung (EG) Nr. 1288/2009 des Rates zur Festlegung technischer Übergangsmaßnahmen für den Zeitraum vom 1. Januar 2010 bis zum 30. Juni 2011europa.eu
[243]ICES20112011 Report of the Working Group on the Assessment of Demersal Stocks in the North Sea and Skagerrak (WGNSSK). 13. Haddock in Subarea IV and division IIIaices.dk
[244]ICES2011Report of the Advisory Committee, 2011. Book 6. North Sea. 6.4.3. Haddock in Subarea IV (North Sea) and Division IIIa West (Skagerrak)ices.dk
[245]The Scottisch GovernmentHomepage der schottischen Regierung zum Thema Fischereiscotland.gov