Bestandsdatenblatt

Nordost-Arktischer Schellfisch

Gültig 06/2021 - 06/2022

Nordost-Arktischer Schellfisch

gültig 06/2021 - 06/2022

Zugehörige Fischart

Schellfisch

Allgemeine Informationen


Ökoregion:Barentsmeer (Nordost-Arktis), Norwegische See
Fanggebiet:Nordost-Arktis und Norw. See (1, 2.ab) FAO 27
Art: Melanogrammus aeglefinus

Wissenschaftliche Begutachtung

Internationaler Rat für Meeresforschung (ICES), Kopenhagen, www.ices.dk

Methode, Frequenz

Jährliche analytische Bestandsberechnung mit Vorhersage unter Verwendung von Fangdaten und vier unabhängigen wissenschaftlichen Forschungsreisen. Alle vier Referenzwerte nach dem Vorsorgeansatz (Fpa, Flim, Bpa, Blim) sind definiert. Die Referenzwerte nach dem Konzept zur Erlangung des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages (MSY-Btrig, Fmsy) sind ebenfalls festgelegt. Die Fangempfehlung des ICES basiert auf dem gemeinsamen Managementplan von Russland und Norwegen. [1281]

Wesentliche Punkte

2021: Die Laicherbiomasse vom Nordost-Arktischen Schellfisch hat weiter abgenommen, liegt aber weiterhin komplett im grünen Bereich. Der Fischereidruck ist nochmals etwas gestiegen und liegt über den Referenzwerten des maximalen nachhaltigen Dauerertrages (Fmsy) und des Managementplanes (Fmgmt). [1281]

Bestands­zustand

Laicherbiomasse (Reproduktionskapazität)

  volle Reproduktionskapazität (nach Vorsorgeansatz)

  über dem Grenzwert (nach Managementplan)
 

  innerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwert (nach höchstem Dauerertrag)

 

Fischereiliche Sterblichkeit

  nachhaltig bewirtschaftet (nach Vorsorgeansatz)
 

  außerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwert (nach Managementplan)

  übernutzt (nach höchstem Dauerertrag)

 

Bestands­entwicklung

Die Laicherbiomasse dieses Bestandes liegt seit 1988 (einzige Ausnahme 2000) über dem Referenzwert des Konzeptes zur Erlangung des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages (MSY-Btrig). Die Jahrgänge 2004-2006 waren besonders stark und haben erheblich zum Biomasse-Anstieg beigetragen. Seit 2017 nimmt die Laicherbiomasse jedoch ab. Die stark schwankende fischereiliche Sterblichkeit konnte 2008 unter den MSY-Referenzwert gesenkt werden, liegt aber seit 2018 wieder darüber. Die Anlandungen erreichten 1973 ihren Höchstwert (322.000 t) und 11 Jahre später den niedrigsten Wert (21.000 t), seitdem stiegen sie schwankend an, erreichten 2011 und 2012 fast wieder den Maximalwert, sind danach aber niedriger. Die Nachwuchsproduktion schwankt stark, die Jahrgänge 2018 bis 2020 liegen unter dem Durchschnitt von 1990 bis 2017. [1281]

Ausblick

Der Fischereidruck ist derzeit zu hoch und die Nachwuchsjahrgänge 2018 bis 2020 liegen wahrscheinlich unter dem Mittelwert von 1990 bis 2017. Um den Bestand wieder nach dem MSY-Konzept zu bewirtschaften, müssen die Fangmengen reduziert werden. [1281]

Umwelt­einflüsse auf den Bestand

Die variable Nachwuchsproduktion von Schellfisch in der Nordost-Arktis kann auf Veränderungen im Einstrom von Atlantikwasser in die Barentssee zurückgeführt werden. Die Wassertemperatur im ersten und zweiten Lebensjahr ist ein wichtiger Faktor, der die Jahrgangsstärke beeinflusst. Zu kaltes Wasser in der Bodenschicht verringert die Wahrscheinlichkeit starker Jahrgänge. Kabeljau ist der Haupträuber auf Schellfisch, der große Kabeljaubestand in diesem Gebiet führt daher in den letzten Jahren zu einem hohen Wegfraß von Schellfisch. [1281] [1283]

Wer und Wie

Die Bewirtschaftung erfolgt gemeinsam durch Norwegen und die Russische Föderation durch die "Joint Norwegian-Russian Fisheries Commission“ (JNRFC). Der 2004 eingeführte Managementplan (Harvest Controle Rule, HCR) wurde seitdem mehrmals überarbeitet. Der Zielwert für die fischereiliche Sterblichkeit (Fmgmt) basiert inzwischen auf dem Konzept zur Erlangung des höchstmöglichen Dauerertrages (MSY). Veränderungen der zulässigen Höchstfangmenge werden auf jährlich ±25% begrenzt (wenn die Laicherbiomasse über Bpa liegt). Der ICES hat den Plan als im Einklang mit dem Vorsorgeansatz und nicht im Widerspruch zum MSY-Konzept bewertet. Er ist Basis für Fangempfehlung und Festsetzung der Höchstfangmengen (TACs). Neben den TACs wird diese Fischerei durch Mindestfanggrößen, Festlegung minimaler Maschenweiten, Sortiereinrichtungen in den Netzen, die maximal zulässige Menge von juvenilen Fischen als Beifang, Echtzeitschließungen, Gebietsbeschränkungen und saisonale Schließungen reguliert. Seit Januar 2011 sind die technischen Regularien von Norwegen und Russland aufeinander abgestimmt. Eine Fischereikontrolle erfolgt durch Inspektionen auf See und generell bei allen Anlandungen, sowie durch Logbücher und tägliche Meldungen an die zuständigen Behörden. [81] [1008] [1281]

Differenz zwischen Wissen­schaft und Management

Bis einschließlich 2008 wurde die Höchstfangmenge (TAC) meist über den Empfehlungen des ICES festgelegt. 2009 bis 2012 entsprach der TAC den wissenschaftlichen Empfehlungen. 2013 wurde er niedriger festgelegt, die maximal vorgesehene Reduzierung des Managementplanes um 25% wurde also überschritten. Basis für die Fangempfehlung für 2014 war der tatsächliche niedrige 2013er-TAC und die 25% Regelung, bei der Festlegung des 2014er-TACs wurde jedoch ein höherer 2013er-TAC von 238.000 t (wie er der Empfehlung entsprochen hätte) zugrunde gelegt und um 25% reduziert. Der 2014er TAC lag daher über der Empfehlung, faktisch entspricht er aber dem Wert, der bei jeweiliger Reduzierung um 25% über die zwei Jahre für 2014 erreicht worden wäre. 2015 wurde der TAC aufgrund der sehr guten Prognosen in der Bestandsberechnung noch im laufenden Fischereijahr erhöht und dann der ICES gebeten, eine erneute aktualisierte Fangempfehlung für 2016 zu geben. Die erste Fangempfehlung für 2016 basierte auf einer Erhöhung des ursprünglichen 2015er-TAC um die erlaubten 25%. Durch den erhöhten 2015er-TAC konnte die Fangempfehlung bei Einhaltung des Managementplanes um weitere 9% erhöht werden. Der 2016er TAC wurde entsprechend festgesetzt. Mit Ausnahme von 2019 entsprach der TAC seit 2016 der Empfehlungen. In den letzten Jahren wurde der TAC oft nicht ausgefischt. [1008] [1281]

Karten

Verbreitungsgebiet

Managementgebiet

Verbreitungs- und Managementgebiete decken sich, allerdings gibt es nationale Regelungen der Küstenstaaten und Sonderregelungen in internationalen Gewässern. [1281] [1283]

Anlandungen und legale Höchstfangmengen (TACs) (in 1.000 t)

Gesamtfang2020: Anlandungen 182,5; davon Grundschleppnetze 69%, Langleinen 18%, andere 13%
TACs2010: 243,0   2011: 303,0   2012: 318,0   2013: 200,0   2014: 178,5   2015: 223,0   2016: 244,0   2017: 233,0   2018: 202,3   2019: 172,0   2020: 215,0   2021: 232,5   [1008] [1281]

IUU-Fischerei

Illegale, unregulierte und nicht gemeldete (IUU) Fänge waren in früheren Jahren ein erhebliches Problem in dieser Fischerei. Zwischen 2002 und 2008 betrugen die nicht gemeldeten Fänge 4 bis 34% der Anlandungen. Seit 2009 liegen die geschätzten IUU-Fänge bei Null. [1281] [1283]

Struktur und Fangmethode

Schellfisch wird in der Nordost-Arktis ganzjährig vor allem mit Schleppnetzen, seltener mit Langleinen gefangen. Langleinen werden fast ausschließlich von norwegischen Fahrzeugen eingesetzt. Bei hohen Bestandsdichten ist Schellfisch Ziel einer gerichteten Fischerei, in anderen Jahren tritt er vor allem als (erwünschter) Beifang in der Kabeljaufischerei auf. 2020 haben Norwegen 48% und Russland 49% der Anlandungen getätigt, aber auch färöische, EU- und UK-Fahrzeuge haben Fangrechte. [39] [1281] [1283]

Beifänge und Rückwürfe

Rückwürfe von quotierten Arten wie Kabeljau, Schellfisch und Seelachs sind sowohl in Norwegen als auch in Russland illegal. Der Rückwurf von Schellfisch kommt trotzdem vor, kann aber nicht quantifiziert werden. Die Menge ist in den letzten Jahren aber, zumindest für die Bestandsberechnung, vernachlässigbar. Wenn zu viele untermaßige Fische in den Fängen vorkommen (mehr als 15%), werden einzelne Gebiete zeitnah für die Fischerei geschlossen. Einige Gebiete sind zum Schutz von jungen Schellfischen und Kabeljau komplett geschlossen. Selektivere Fanggeräte haben den Fang und Rückwurf von Jungfischen seit 1997 reduziert. [39] [1281] [1283]

Einflüsse der Fischerei auf die Umwelt

Durch den Einsatz von Grundschleppnetzen können Bodenlebensgemeinschaften geschädigt werden. Sie fangen neben den Zielarten auch Arten, die nicht kommerziell genutzt werden und deren Entnahme einen Einfluss auf das Ökosystem haben kann. Artenzusammensetzung, Biomasse und Nahrungsgefüge können sich erheblich verändern. Der Einfluss hängt aber auch von Fangmethode und Bodenstruktur ab. Auf sandigem Boden hat eine Studie in den USA nur einen geringen Einfluss durch Grundscherbrettnetze feststellen können. So waren zwar die Spuren der Scherbretter lange sichtbar (mindestens ein Jahr), es konnten aber kaum signifikante Unterschiede in der Mikrotopographie der befischten und unbefischten Gebiete nachgewiesen werden. Auch bei strukturformenden und mobilen Wirbellosen zeigten befischte und unbefischte Gebiete keine signifikanten Unterschiede. In der Nordost-Arktis können Grundschleppnetze vor allem einen negativen Effekt auf empfindliche Bodenlebewesen-Gemeinschaften haben, die auf Hartsubstrat vorkommen. Besonders empfindlich sind Schwämme und Kaltwasser-Korallen. Die Kartierung der Kaltwasser-Riffe schreitet stetig voran, auch Fischer versuchen den Kontakt mit Riffen zu vermeiden, um ihr Fanggerät zu schonen. In einigen Gebieten ist zum Schutz dieser Riffe der Einsatz von Grundschleppnetzen verboten. In der Fischerei mit Langleinen können Nicht-Zielarten (z.B. Haie) beigefangen werden.
Durch die Erwärmung der Arktis sind vormals unzugängliche Gebiete nun eisfrei und damit erstmals für die Fischerei erreichbar. Die EU und ihre arktischen Partner sind daher übereingekommen eine unkontrollierte Fischerei auf hoher See in der Arktis zu verhindern. Das Abkommen ist am 25. Juli 2021 in Kraft getreten. [7] [8] [30] [83] [149] [808] [1038] [1281] [1282] [1283]

Biologische Besonder­heiten

Schellfisch kann sehr unterschiedliches Futter nutzen und zwischen Fisch, Plankton und bodenlebenden Tieren variieren. Wenn verfügbar, ist er ein großer Räuber auf Lodde und deren Brut, kann aber auch auf andere Fischarten, Krill und Bodentiere wechseln. Ist der Loddenbestand groß, ist Schellfisch wiederum seltener Beute von Meeressäugern. [1281] [1283]

Zusätzliche Informationen

Schellfisch wird in Norwegen gerne in der Sportfischerei geangelt. Er ist Grundlage vieler landestypischer Rezepte, wie zum Beispiel dem Fischpudding und Fischbällchen. [39]

Soziale Aspekte

Die Fahrzeuge in der Norwegensee und in der Barentssee fahren unter norwegischer, russischer, färöischer oder EU-Flagge, die Arbeitsbedingungen an Bord und die Entlohnung erfolgt daher nach den (sehr unterschiedlichen) Regeln dieser Staaten. [13] [39]

Marktdaten

2020 (vorl.): Verbrauch in Deutschland: 1.832 t (2019: 2.741 t), Marktanteil (Fische, Krebse, Weichtiere): 0,16% (2019: 0,2%) [13] [14]

Anlandungen (in 1.000 t)Fänge (in 1.000 t)Laicherbiomasse (in 1.000 t)Laicherbiomasse ZustandFischereiliche SterblichkeitAnmerkungen (insbesondere Managementplan)Gültigkeit
Färöer (5.b) 7,3 7,3 53,2 Anlandungen und Fänge vorläufig 11/2021 -
11/2022
Irische See (7.a) 1,2 1,9 14,3 - 06/2022 -
06/2023
Island (5.a) 54,8 - 79,6 - 06/2021 -
06/2022
Keltische See (7.b-k) 9,3 11,6 51,0 - 06/2022 -
06/2023
Nordost-Arktis (1, 2) 182,5 - 199,5 Managementplan seit 2004/2007 06/2021 -
06/2022
Nordsee (4, 6.a, 20) 26,5 44,1 412,1 Mehrjahresplan ab 2018 06/2022 -
06/2023
Rockall (6.b) 5,5 5,6 32,4 - 06/2021 -
06/2022

Klassifizierung nach dem Ansatz des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages (MSY), durch den ICES bis 2020 oder analog zu dessen Einteilung:

SymbolBiomasseBewirtschaftung (fischereiliche Sterblichkeit)
innerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwertangemessen oder unternutzt
außerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwertübernutzt
Zustand unklar, Referenzpunkte nicht definiert und/oder unzureichende DatenZustand unklar, Referenzpunkte nicht definiert und/oder unzureichende Daten
AutorJahrTitelQuelle
[4]Marine Stewardship Council (MSC)Fisch und Meeresfrüchte aus zertifiziert nachhaltiger Fischereimsc.org
[7]Kaiser MJ, Ramsay K, Ramsay K, Richardson CA, Spence FE, Brand AR2000Chronic fishing disturbance has changed shelf sea benthic community structure Journal of Animal Ecology 69:494-503
[8]Hiddink JG, Jennings S, Kaiser MJ, Queirós AM, Duplisea DE, Piet GJ2006Cumulative impacts of seabed trawl disturbance on benthic biomass, production, and species richness in different habitats Canadian Journal of Fisheries and Aquatic Sciences 63:721-736
[13]Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) Homepageble.de
[14]Fisch-Informationszentrum e.V. (FIZ)Fisch-Informationszentrum e.V. Homepagefischinfo.de
[30]Food and Agriculture Organization (FAO)FAO. © 2003-2010. Fisheries Topics: Technology. Fish capture technology. In: FAO Fisheries and Aquaculture Department [online]. Rome. Updated 2006 15 09.[Cited 10 June 2010]fao.org
[39]Fischereiverwaltung, NorwegenOnline Portal des Fiskeridirektoratet (Fischereiverwaltung), Norwegenfiskeridir.no
[81]Ministerium für Handel, Industrie und Fischerei, NorwegenOnline Portal des Nærings- og fiskeridepartementet (Ministerium für Handel, Industrie und Fischerei), Norwegenregjeringen.no
[83]Fossa JH, Mortensen PB, Furevik DM2002The deep-water coral Lophelia pertusa in Norwegian waters: distribution and fishery impacts Hydrobiologia 471:1-12
[149]MAREANO: The Sea in Maps and PicturesMareano Homepage: Vulnerable biotope mapsmareano.no
[808]James Lindholm J, Gleason M, Kline D, Clary L, Rienecke S, Cramer A, Los Huertos M2015Ecological effects of bottom trawling on the structural attributes of fish habitat in unconsolidated sediments along the central California outer continental shelf Fishery Bulletin 113:82-96
[1008]Nærings- og fiskeridepartementet, NorwegenPressemelding: Enighet om norsk-russisk kvoteavtale (Abkommen über die norwegisch-russischen Quotenvereinbarung)regjeringen.no
[1038]Europäische Kommission2017EU and Arctic partners agree to prevent unregulated fishing in high seas, 01/12/2017ec.europa.eu
[1281]ICES2021Haddock (Melanogrammus aeglefinus) in subareas 1 and 2 (Northeast Arctic). In Report of the ICES Advisory Committee, 2021. ICES Advice 2021, had.27.1-2, https://doi.org/10.17895/ices.advice.7758.ices.dk
[1282]Europäische Kommission2021News announcement | 25 June 2021 | Directorate-General for Maritime Affairs and Fisheries Arctic: Agreement to prevent unregulated fishing enters into forceec.europa.eu
[1283]ICES2020Stock Annex: Haddock (Melanogrammus aeglefinus) in Subareas 1 and 2 (Northeast Arctic)ices.dk