Bestandsdatenblatt

Nordost-Arktischer Schellfisch

Gültig 06/2023 - 06/2024

Nordost-Arktischer Schellfisch

gültig 06/2023 - 06/2024

Zugehörige Fischart

Schellfisch

Allgemeine Informationen

Ökoregion:Barentsmeer (Nordost-Arktis), Norwegische See
Fanggebiet:Nordost-Arktis und Norw. See (1, 2.ab) FAO 27 (Nordostatlantik)
Art: Melanogrammus aeglefinus

Wissenschaftliche Begutachtung

Havforskningsinstituttet (Institute of Marine Research, IMR), Norwegen www.hi.no/en und Russian Federal Research Institute of Fisheries and Oceanography, Polar Branch (PINRO), Russland, www.pinro.vniro.ru/en, gemeinsam in der neu konstituierten Joint Russian-Norwegian Arctic Fisheries Working Group (JRN-AFWG) und nach Methodik des Internationalen Rates für Meeresforschung (ICES). Wegen der auf den Beginn des Ukrainekrieges folgenden Suspendierung Russlands aus dem ICES ist dieser seit 2022 nicht mehr in der Lage, eine abgestimmte Berechnung und Bewirtschaftungsempfehlung für einige arktische Bestände zu erarbeiten.

Methode, Frequenz

Jährliche analytische Bestandsberechnung mit Vorhersage unter Verwendung von Fangdaten und vier unabhängigen wissenschaftlichen Forschungsreisen. Alle vier Referenzwerte nach dem Vorsorgeansatz (Fpa, Flim, Bpa, Blim) sind definiert. Die Referenzwerte nach dem Konzept zur Erlangung des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages (MSY-Btrigger, Fmsy) sind ebenfalls festgelegt. Die Fangempfehlung des ICES basiert auf dem gemeinsamen Managementplan von Russland und Norwegen. [1411] [1413]

Wesentliche Punkte

2023: Die Laicherbiomasse von Nordost-Arktischem Schellfisch war in den vergangenen vier Jahren stabil und liegt damit komplett im grünen Bereich. Die Gesamtbiomasse zeigt jedoch einen weiteren Rückgang. Der Fischereidruck konnte reduziert werden, er liegt nur noch knapp über den Referenzwerten des maximalen nachhaltigen Dauerertrages (Fmsy) und des Managementplanes (Fmgmt). Begutachtung und auch Fangempfehlung für Nordost-Arktischen Schellfisch erfolgen seit 2022 nicht mehr durch den ICES, sondern durch die neu konstituierte Joint Russian-Norwegian Arctic Fisheries Working Group (JRN-AFWG). [1411] [1413]

Bestands­zustand

Laicherbiomasse (Reproduktionskapazität)

  volle Reproduktionskapazität (nach Vorsorgeansatz)

  über dem Grenzwert (nach Managementplan)
 

  innerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwert (nach höchstem Dauerertrag)

 

Fischereiliche Sterblichkeit

  nachhaltig bewirtschaftet (nach Vorsorgeansatz)
 

  außerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwert (nach Managementplan)

  übernutzt (nach höchstem Dauerertrag)

 

Bestands­entwicklung

Die Laicherbiomasse des Nordost-Arktischem Schellfischs liegt seit 1989 (einzige Ausnahme 2000) über dem Referenzwert des Konzeptes zur Erlangung des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages (MSY-Btrig). Die Jahrgänge 2005 und 2006 (in der Grafik Nachwuchsproduktion im Alter 3: 2008 und 2009) waren besonders stark und haben erheblich zum Biomasse-Anstieg beigetragen. Seit 2015 nahm die Laicherbiomasse ab, ist in den vergangenen vier Jahren jedoch stabil. Die Gesamtbiomasse des Bestands nimmt aber weiter ab, da der relativ große 2016er Jahrgang (in der Grafik: 2019) langsam verschwindet. Die stark schwankende fischereiliche Sterblichkeit konnte 2008 unter den MSY-Referenzwert gesenkt werden, liegt seit 2017 wieder darüber, 2022 aber nur noch knapp. Die Anlandungen erreichten 1973 ihren Höchstwert (322.000 t) und 11 Jahre später den niedrigsten Wert (21.000 t), seitdem stiegen sie schwankend an, erreichten 2011 und 2012 fast wieder den Maximalwert, sind danach aber niedriger. Die Nachwuchsproduktion schwankt stark und war zuletzt schwach. Der 2019er Jahrgang (in der Grafik: 2022) war der schwächste seit 1987. [1411] [1413]

Ausblick

Die Gesamtbiomasse von Nordost-Arktischem Schellfisch zeigt einen abnehmenden Trend. Die aus der Vorhersage für Laicherbiomasse und Fischereidruck errechnete Fangempfehlung für 2024 fällt daher erheblich geringer aus. Der Managementplan begrenzt Veränderungen der zulässigen Höchstfangmenge aber auf jährlich ±25%, die wieder voll ausgeschöpft werden müssen. Aufgrund der schwachen Jahrgänge wird die Laicherbiomasse in den nächsten Jahren voraussichtlich weiter sinken. [1411] [1413]

Umwelt­einflüsse auf den Bestand

Die variable Nachwuchsproduktion von Schellfisch in der Nordost-Arktis kann auf Veränderungen im Einstrom von Atlantikwasser in die Barentssee zurückgeführt werden. Die Wassertemperatur im ersten und zweiten Lebensjahr ist ein wichtiger Faktor, der die Jahrgangsstärke beeinflusst. Zu kaltes Wasser in der Bodenschicht verringert die Wahrscheinlichkeit starker Jahrgänge. Kabeljau ist der Haupträuber auf Schellfisch, der große Kabeljaubestand in diesem Gebiet führte daher zu einem hohen Wegfraß von Schellfisch. Eine Verringerung des Kabeljaubestands und eine Zunahme der Lodde könnten zu einem geringeren Wegfraß von Schellfisch durch Kabeljau führen und damit zu einer geringeren Sterblichkeit sowohl bei den Jungfischen als auch bei den jüngeren Schellfischen, die in die Fischerei einwachsen. [1411] [1413]

Wer und Wie

Die Bewirtschaftung von Nordost-Arktischem Schellfisch erfolgt gemeinsam durch Norwegen und die Russische Föderation durch die "Joint Norwegian-Russian Fisheries Commission“ (JNRFC). Der 2004 eingeführte Managementplan (Harvest Controle Rule, HCR) wurde seitdem mehrmals überarbeitet. Der Zielwert für die fischereiliche Sterblichkeit (Fmgmt) basiert inzwischen auf dem Konzept zur Erlangung des höchstmöglichen Dauerertrages (MSY). Veränderungen der zulässigen Höchstfangmenge werden auf jährlich ±25% begrenzt (wenn die Laicherbiomasse über Bpa liegt). Auch die letzte Überarbeitung wurde vom ICES als dem Vorsorgeansatz entsprechend eingestuft. Der Plan ist Basis für Fangempfehlung und Festsetzung der Höchstfangmengen (TACs). Neben den TACs wird diese Fischerei durch Mindestfanggrößen, Festlegung minimaler Maschenweiten, Sortiereinrichtungen in den Netzen, maximal zulässige Menge von juvenilen Fischen als Beifang, Echtzeitschließungen, Gebietsbeschränkungen und saisonale Schließungen reguliert. Seit Januar 2011 sind die technischen Regularien von Norwegen und Russland aufeinander abgestimmt. Eine Fischereikontrolle erfolgt durch Inspektionen auf See und generell bei allen Anlandungen, sowie durch Logbücher und tägliche Meldungen an die zuständigen Behörden. [81] [1008] [1411] [1413]

Differenz zwischen Wissen­schaft und Management

Bis einschließlich 2008 wurde die Höchstfangmenge (TAC) meist über den Empfehlungen des ICES festgelegt. 2009 bis 2012 entsprach der TAC den wissenschaftlichen Empfehlungen. 2013 wurde er niedriger festgelegt, die maximal vorgesehene Reduzierung des Managementplanes um 25% wurde also überschritten. Basis für die Fangempfehlung für 2014 war der tatsächliche niedrige 2013er-TAC und die 25% Regelung, bei der Festlegung des 2014er-TACs wurde jedoch ein höherer 2013er-TAC von 238.000 t (wie er der Empfehlung entsprochen hätte) zugrunde gelegt und um 25% reduziert. Der 2014er TAC lag daher über der Empfehlung, faktisch entspricht er aber dem Wert, der bei jeweiliger Reduzierung um 25% über die zwei Jahre für 2014 erreicht worden wäre. 2015 wurde der TAC aufgrund der sehr guten Prognosen in der Bestandsberechnung noch im laufenden Fischereijahr erhöht und dann der ICES gebeten, eine erneute aktualisierte Fangempfehlung für 2016 zu geben. Die erste Fangempfehlung für 2016 basierte auf einer Erhöhung des ursprünglichen 2015er-TAC um die erlaubten 25%. Durch den erhöhten 2015er-TAC konnte die Fangempfehlung bei Einhaltung des Managementplanes um weitere 9% erhöht werden. Der 2016er TAC wurde entsprechend festgesetzt. Mit Ausnahme von 2019 entsprach der TAC seit 2016 den Empfehlungen (seit 2022 von der Joint Russian-Norwegian Arctic Fisheries Working Group (JRN-AFWG) gegeben). In den letzten Jahren wurde der TAC oft nicht ausgefischt. [1008] [1411] [1413]

Karten

Verbreitungsgebiet

Managementgebiet

Verbreitungs- und Managementgebiet von Nordost-Arktischem Schellfisch decken sich, allerdings gibt es nationale Regelungen der Küstenstaaten und Sonderregelungen in internationalen Gewässern. [1411] [1413]

Anlandungen und legale Höchstfangmengen (TACs) (in 1.000 t)

Gesamtfang2022: Anlandungen 176,9; davon Grundschleppnetze 70%
TACs2011: 303,0   2012: 318,0   2013: 200,0   2014: 178,5   2015: 223,0   2016: 244,0   2017: 233,0   2018: 202,3   2019: 172,0   2020: 215,0   2021: 232,5   2022: 178,5   2023: 170,1   [1008] [1411] [1413]

IUU-Fischerei

Illegale, unregulierte und nicht gemeldete (IUU) Fänge waren in früheren Jahren ein erhebliches Problem in dieser Fischerei. Zwischen 2002 und 2008 betrugen die nicht gemeldeten Fänge 4 bis 34% der Anlandungen. Seit 2009 liegen die geschätzten IUU-Fänge bei Null. [1411] [1413]

Struktur und Fangmethode

Schellfisch wird in der Nordost-Arktis ganzjährig hauptsächlich mit Schleppnetzen als erwünschter Beifang in der Kabeljaufischerei gefangen. Außerdem wird eine gezielte Schleppnetzfischerei auf Schellfisch durchgeführt. Der Anteil der direkten Fischerei an den Gesamtfängen schwankt von Jahr zu Jahr. Im Durchschnitt werden etwa 70% der Fänge werden mit Schleppnetzen gefangen. Norwegen fängt etwa die Hälfte der Quote mit anderen Fanggeräten, vor allem mit Langleinen und Snurrewaden (Danish seine). Die Snurrewade hat in den letzten 10 Jahren in der norwegischen Fischerei an Bedeutung gewonnen. 2022 haben Norwegen 50% und Russland 47% der Anlandungen getätigt, aber auch färöische, EU- und UK-Fahrzeuge haben Fangrechte. [39] [1411] [1413]

Beifänge und Rückwürfe

Rückwürfe von quotierten Arten wie Kabeljau, Schellfisch und Seelachs sind sowohl in Norwegen als auch in Russland verboten. Der Rückwurf von Schellfisch kommt trotzdem vor, kann aber nicht quantifiziert werden. Die Menge ist in den letzten Jahren aber, zumindest für die Bestandsberechnung, vernachlässigbar. Wenn zu viele untermaßige Fische in den Fängen vorkommen (mehr als 15%), werden einzelne Gebiete zeitnah für die Fischerei geschlossen. Einige Gebiete sind zum Schutz von jungen Schellfischen und Kabeljau komplett geschlossen. Selektivere Fanggeräte haben den Fang und Rückwurf von Jungfischen seit 1997 reduziert. [39] [1411] [1413]

Einflüsse der Fischerei auf die Umwelt

Durch den Einsatz von Grundschleppnetzen können Bodenlebensgemeinschaften geschädigt werden. Sie fangen neben den Zielarten auch Arten, die nicht kommerziell genutzt werden und deren Entnahme einen Einfluss auf das Ökosystem haben kann. Artenzusammensetzung, Biomasse und Nahrungsgefüge können sich erheblich verändern. Der Einfluss hängt aber auch von Fangmethode und Bodenstruktur ab. Auf sandigem Boden hat eine Studie in den USA nur einen geringen Einfluss durch Grundscherbrettnetze feststellen können. So waren zwar die Spuren der Scherbretter lange sichtbar (mindestens ein Jahr), es konnten aber kaum signifikante Unterschiede in der Mikrotopographie der befischten und unbefischten Gebiete nachgewiesen werden. Auch bei strukturformenden und mobilen Wirbellosen zeigten befischte und unbefischte Gebiete keine signifikanten Unterschiede. In der Nordost-Arktis können Grundschleppnetze vor allem einen negativen Effekt auf empfindliche Bodenlebewesen-Gemeinschaften haben, die auf Hartsubstrat vorkommen. Besonders empfindlich sind Schwämme und Kaltwasser-Korallen. Die Kartierung der Kaltwasser-Riffe schreitet stetig voran, auch Fischer versuchen den Kontakt mit Riffen zu vermeiden, um ihr Fanggerät zu schonen. In einigen Gebieten ist zum Schutz dieser Riffe der Einsatz von Grundschleppnetzen verboten. In der Fischerei mit Langleinen können Nicht-Zielarten (z.B. Haie) beigefangen werden.
Durch die Erwärmung der Arktis sind vormals unzugängliche Gebiete nun eisfrei und damit erstmals für die Fischerei erreichbar. Die EU und ihre arktischen Partner sind daher übereingekommen eine unkontrollierte Fischerei auf hoher See in der Arktis zu verhindern. Das Abkommen ist am 25. Juli 2021 in Kraft getreten. [7] [8] [30] [83] [149] [808] [1038] [1282] [1411] [1413]

Biologische Besonder­heiten

Schellfisch kann sehr unterschiedliches Futter nutzen und zwischen Fisch, Plankton und bodenlebenden Tieren variieren. Wenn verfügbar, ist er ein großer Räuber auf Lodde und deren Brut, kann aber auch auf andere Fischarten, Krill und Bodentiere wechseln. Ist der Loddenbestand groß, ist Schellfisch wiederum seltener Beute von Meeressäugern. [1411] [1413]

Zusätzliche Informationen

Schellfisch wird in Norwegen gerne in der Sportfischerei geangelt. Er ist Grundlage vieler landestypischer Rezepte, wie zum Beispiel dem Fischpudding und Fischbällchen. [39]

Soziale Aspekte

Die Fahrzeuge in der Norwegensee und in der Barentssee fahren unter norwegischer, russischer, färöischer oder EU-Flagge, die Arbeitsbedingungen an Bord und die Entlohnung erfolgt daher nach den (sehr unterschiedlichen) Regeln dieser Staaten. [13] [39] [1411] [1413]

Marktdaten

2022 (vorl.): Verbrauch in Deutschland: 1.622 t (2021: 1.950 t), Marktanteil (Fische, Krebse, Weichtiere): 0,1 % (2021: 0,2 %) [13] [14]

Oops, an error occurred! Code: 20240229232936f1feeb35

Klassifizierung nach dem Ansatz des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages (MSY), durch den ICES bis 2020 oder analog zu dessen Einteilung:

SymbolBiomasseBewirtschaftung (fischereiliche Sterblichkeit)
innerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwertangemessen oder unternutzt
außerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwertübernutzt
Zustand unklar, Referenzpunkte nicht definiert und/oder unzureichende DatenZustand unklar, Referenzpunkte nicht definiert und/oder unzureichende Daten
Oops, an error occurred! Code: 20240229232936e7d1971e