Bestandsdatenblatt

Nordsee-Seezunge

Gültig 06/2019 - 06/2020

Nordsee-Seezunge

gültig 06/2019 - 06/2020

Zum aktuellen Bestandsdatenblatt

Zugehörige Fischart

Seezunge

Allgemeine Informationen


Ökoregion:Nordsee
Fanggebiet:Nordsee (4) FAO 27
Art:Solea solea

Wissenschaftliche Begutachtung

Internationaler Rat für Meeresforschung (ICES), Kopenhagen, www.ices.dk

Methode, Frequenz

Jährliche analytische Bestandsberechnung mit Vorhersage unter Verwendung von Anlandedaten und drei unabhängigen wissenschaftlichen Forschungsreisen. Die Referenzwerte nach dem Konzept des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages (MSY) sind definiert (Fmsy und MSY-Btrigger). Alle Referenzwerte nach Vorsorgeansatz (Bpa, Blim, Fpa und Flim) sind ebenfalls festgelegt. Diese Bestandsberechnung ist eher unsicher, konnte aber durch die inzwischen in die Berechnungen eingehenden Rückwürfe verbessert werden. [1149] [1153]

Wesentliche Punkte

2019: Die Laicherbiomasse ist etwas gestiegen und liegt weiterhin komplett im grünen Bereich. Die fischereiliche Sterblichkeit bleibt stabil und liegt damit im Schwankungsbereich um den Zielwert des Managementplanes, aber noch immer über dem Referenzwert nach dem Konzept zur Erlangung des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages (Fmsy). [1084] [1149] [1153]

Bestands­zustand

Laicherbiomasse (Reproduktionskapazität)

  volle Reproduktionskapazität (nach Vorsorgeansatz)

  innerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwert (nach Managementplan)

  innerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwert (nach höchstem Dauerertrag)

 

Fischereiliche Sterblichkeit

  nachhaltig bewirtschaftet (nach Vorsorgeansatz)
 

  innerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwert (nach Managementplan)

  übernutzt (nach höchstem Dauerertrag)

 

Bestands­entwicklung

Der Bestand war in den frühen und späten 1960er Jahren und Anfang der 1990er Jahre am größten und 2007 am kleinsten. Seither wächst die Laicherbiomasse und liegt seit 2013 über dem Referenzwert zur Erlangung des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages (MSY-Btrigger). Die fischereiliche Sterblichkeit stieg zwischen Anfang der 1960er und 1997 langsam aber fast stetig an. Seit Ende der 1990er Jahre nimmt sie kontinuierlich ab, liegt aber noch immer knapp über Fmsy. Der grau schattierte Bereich in der Grafik zeigt die Spanne der Referenzwerte des neuen Managementplanes (höchster und niedrigster Wert). Die Nachwuchsproduktion schwankt seit den 1990er Jahren ohne deutlichen Trend, aber ohne das vereinzelte Vorkommen starker Jahrgänge. [1084] [1149] [1153]

Ausblick

Der Fischereidruck liegt zwar im Schwankungsbereich um den Zielwert, das Ziel des neuen Managementplanes (entspricht Fmsy) ist aber noch nicht erreicht. Die Fangmengen müssten daher – bei anhaltend eher schwacher Nachwuchsproduktion – noch etwas reduziert werden. [1149] [1153]

Umwelt­einflüsse auf den Bestand

Als südliche Art lebt die Seezunge in der Nordsee an ihrer nördlichen Verbreitungsgrenze. Sie ist sehr kälteempfindlich und verbringt die Winter in wärmerem Tiefenwasser. Sehr kalte Winter können sich negativ auf den Bestand auswirken. Die seit 1989 ansteigende Wassertemperatur in der südlichen Nordsee führte zu höheren Wachstumsraten und zur Verlängerung der Wachstumsperiode. In der Zeit hoher Nährstoffeinleitungen (vor allem durch den Rhein) stiegen die Wachstumsraten der Nordsee-Seezunge. [2] [25] [32] [33] [60] [1149] [1153]

Wer und Wie

Seit August 2018 ist ein neuer EU-Mehrjahresplan für Grundfischbestände in der Nordsee (MAP) in Kraft, er ist Basis für die aktuelle Fangempfehlung. Die Referenzwerte entsprechen dem Konzept des höchstmöglichen Dauerertrages (MSY), mit einer Spanne um Fmsy. Der Bestand wird gemeinsam mit Norwegen genutzt, aber nicht gemeinsam bewirtschaftet. Norwegen erhält eine Quote in EU-Gewässern. Die Bewirtschaftung erfolgt außerdem über technische Maßnahmen (z.B. Maschenweitenregulierungen, Referenzmindestgrößen für die Bestandserhaltung und Gebietsschließungen. Fänge aus diesem Bestand fallen inzwischen vollständig unter das Anlandegebot der EU. [10] [1065] [1084] [1148] [1149] [1165] [1153]

Differenz zwischen Wissen­schaft und Management

Über viele Jahre wurde die legale Höchstfangmenge (TAC) oberhalb der wissenschaftlichen Anlande-Empfehlung festgesetzt. 2009 bis 2014 deckten sich die auf dem (alten) Managementplan basierende wissenschaftliche Empfehlung und beschlossener TAC weitestgehend. 2016 und 2017 lag der TAC etwas über der Fang-Empfehlung, 2018 und 2019 wieder darunter. Der TAC wurde von 2010 bis 2013, 2017 und 2018 nicht ausgefischt, 2014, 2015 und 2016 jedoch überschritten. [1113] [1149] [1153]

Karten

Verbreitungsgebiet

Managementgebiet

Nordsee-Seezunge ist im ICES Gebiet 4 verbreitet. Die Höchstfangmenge (TAC) wird für die EU-Gewässer der Nordsee (ICES-Gebiet 4) und die EU-Gewässer von ICES-Gebiet 2.a festgelegt. Verbreitungs- und Managementgebiet stimmen überein. [1113] [1149] [1153]

Anlandungen und legale Höchstfangmengen (TACs) (in 1.000 t)

Gesamtfang2018: 12,3 (Anlandungen: 11,2; Rückwürfe und Anlandungen unter der Mindestgröße: 1,1); von den Anlandungen Baumkurre 90%, Verwickelnetze (Trammelnetze) 4,3%, Kiemennetze 4,1%, andere 1,7%
TACs2009: 14,0   2010: 14,1   2011: 14,1   2012: 16,2   2013: 14,0   2014: 11,9   2015: 11,9   2016: 13,3   2017: 16,1   2018: 15,7   2019: 12,6   [1113] [1149] [1153]

IUU-Fischerei

Die gemeldeten Anlandungen unter der Mindestgröße (BMS) sind derzeit erheblich geringer als die mit Hilfe von Beobachterprogrammen ermittelten Fänge von Tieren unter Referenzmindestgrößen für die Bestandserhaltung. [1149] [1153]

Struktur und Fangmethode

Das vorwiegend zum Plattfischfang in der Nordsee eingesetzte Gerät ist die Baumkurre. Diese Technik hat sich seit den 1950er Jahren, von den Niederlanden ausgehend, in vielen Anrainerstaaten durchgesetzt. Der enge Kontakt des Fanggeschirrs mit dem Grund bedingt einen hohen Schleppwiderstand. Die gestiegenen Treibstoffkosten haben zu einer Abnahme des Aufwandes geführt (oder zur Umrüstung von Baumkurren auf Scherbrettnetze oder Snurrewaden), und die Entwicklung treibstoffsparender Fangmethoden gefördert. So haben einige, vor allem niederländische Fahrzeuge in den letzten Jahren auf Baumkurren mit weniger Bodenkontakt umgerüstet, bei denen Ketten durch Scheuchelektroden (Pulsbaumkurren, „Pulse trawl“) oder gezielte, feine Wasserströme („Wingsum“, „Hydroriggs“) ersetzt sind. Inzwischen arbeiten viel weniger Schiffe mit herkömmlichen Baumkurren. Der Einsatz von elektrischem Strom für den kommerziellen Fischfang, also auch die Pulsbaumkurren, ist ab 01.07.2021 nach einem Beschluss des Europaparlamentes nicht mehr erlaubt, obwohl die Umweltauswirkungen dieser fangmethode aus wissenschaftlicher Sicht geringer sind als bei herkömmlichen Baumkurren. Eine gerichtete Fischerei findet außerdem mit Kiemennetzen und Verwickelnetzen (Trammelnetzen) statt. [2] [30] [1091] [1148] [1149] [1153]

Beifänge und Rückwürfe

In EU-Gewässern der Nordsee ist der Rückwurf von Seezunge aus der Fischerei mit diversen Schleppnetzen mit Maschenöffnung 80-99mm, Baumkurren mit Maschenöffnung 80-119mm und mit Kiemen- und Verwickelnetzen bereits seit Januar 2016 verboten. Seit Januar 2017 fallen Fänge von Seezunge aus EU-Gewässern der Nordsee vollständig unter das Anlandegebot. Ein Rückwurf ist nur noch unter besonderen Bedingungen erlaubt (z.B. Ausnahmen wegen Geringfügigkeit oder hoher Überlebensraten). Durch Fraß beschädigter Fisch ist vom Anlandegebot jedoch ausgenommen. Die Fischerei ist „gemischt“ und fängt gleichzeitig mehrere Plattfischarten, vor allem Seezunge und Scholle. Da die Seezunge die höchsten Anlandepreise erzielt, gilt sie für die Fischerei als Hauptzielart, selbst wenn sie nur 15% des Gesamtfangs ausmacht. Für deren Fang sind wegen ihres schlankeren Körperbaus enge Netzmaschen erforderlich (z.Zt. 80 mm Maschenöffnung), die unweigerlich auch z.B. kleine Schollen und Rundfische mitfangen. Diese Fische werden überwiegend verworfen, der Anteil des Rückwurfs konnte je nach Art bis zu 75% des Gesamtfangs ausmachen. Der Rückwurf von Seezungen war dagegen viel geringer, er betrug 2014 und 2015 etwa 11-12% des Seezungen-Gesamtfanges nach Gewicht, 2016, 2017 und 2018 waren es 8%, 9% und 8%. Rückwürfe von Scholle und Seezunge in kommerziellen Schleppnetzfischereien haben sehr variable Überlebensraten, im Mittel von vermutlich unter 10%. Die Aufwandsregulierung (Tage auf See), hohe Treibstoffpreise und die unterschiedliche Entwicklung der Höchstfangmengen von Scholle und Seezunge haben den Fischereiaufwand insbesondere der großen niederländischen Baumkurren-Flotte in den letzten 10 Jahren in die südliche Nordsee verlagert. Das verstärkt die Beifang-Problematik, da hier das Hauptverbreitungsgebiet junger Schollen ist. Größere Maschenweiten würden die Beifänge, aber auch den Anteil marktfähiger Seezungen stark verringern. Die sogenannten „unerwünschten Fänge“ fassen nun Rückwürfe und Anlandungen unter der Mindestgröße (BMS) zusammen. Die gemeldeten BMS-Anlandungen (2018: 57 t) sind derzeit aber erheblich geringer als die mit Hilfe von Beobachterprogrammen ermittelten Fänge von Tieren unter Referenzmindestgrößen für die Bestandserhaltung. [235] [750] [979] [1137] [1148] [1149] [1165]

Einflüsse der Fischerei auf die Umwelt

Da die Baumkurren auf dem Grund geschleppt werden, und die Scheuchketten einige cm tief eindringen können, werden regelmäßig (abhängig vom Fanggrund) größere Mengen an bodennah lebendem Meeresgetier mitgefangen, sowohl Fische als auch Wirbellose. Diese sind als Rückwürfe vielfach nicht überlebensfähig. Insbesondere die Baumkurrenfischerei kann Artenzusammensetzung, Biomasse und Nahrungsgefüge im befischten Gebiet erheblich verändern. Diese Fangmethode ist außerdem sehr energieaufwändig. Baumkurrenfischerei ist eine der legalen Fangmethoden mit dem größten unmittelbaren Einfluss auf die Meeresumwelt. Die Auswirkungen der Scherbrett- und Snurrewadenfischerei sind geringer. Der Einfluss hängt von Fangmethode und Bodenstruktur ab. Auf sandigem Boden hat eine Studie in den USA nur einen geringen Einfluss durch Grundscherbrettnetze feststellen können. So waren zwar die Spuren der Scherbretter lange sichtbar (mindestens 1 Jahr), es konnten aber kaum signifikante Unterschiede in der Mikrotopographie der befischten und unbefischten Gebiete nachgewiesen werden. Auch bei strukturformenden und mobilen Wirbellosen zeigten befischte und unbefischte Gebiete keine signifikanten Unterschiede. Die Umweltauswirkungen von Pulsbaumkurren („Pulse trawls“) sind nach aktuellen Erkenntnissen sind deren Umweltauswirkungen geringer als die herkömmlicher Baumkurren. Dennoch werden sie zum 01.07.2021 verboten.
Innerhalb einzelner Arten kann die Größenselektion des Fanggerätes zu einer Verschiebung des Eintritts der Geschlechtsreife kommen. In den letzten Jahren werden jüngere und kleinere Schollen und Seezungen erwachsen. [7] [8] [30] [637] [808] [1091] [1148] [1149] [1153]

Biologische Besonder­heiten

Der Seezungenbestand hängt stark vom gelegentlichen Vorkommen besonders starker Jahrgänge ab. Die jüngsten Stadien bleiben etwa 2 Jahre in den Aufwuchsgebieten, bevor sie in tieferes Wasser wandern. Seezungen sind nachtaktiv, dadurch werden sie nachts leichter gefangen als bei Tageslicht. [2] [26] [1149] [1153]

Zusätzliche Informationen

Ein Streifen entlang der holländischen, deutschen und dänischen Küste ist für größere Baumkurrenfahrzeuge (mit mehr als 221 kW Maschinenleistung) gesperrt, um Jungfische zu schonen („Schollenbox“). Seit ihrer Einrichtung wurde hier keine Veränderung im Anteil untermassiger Seezungen festgestellt. [24] [1149] [1153]

Zertifizierte Fischereien

Zwei Seezungenfischereien in der Nordsee sind nach den Standards des Marine Stewardship Councils zertifiziert (mehrere Fischereien sind seit Oktober 2019 unter „Joint demersal fisheries in the North Sea“ kombiniert). [4] Siehe
fisheries.msc.org/en/fisheries/from-nord-north-sea-and-eastern-channel-trammel-net-sole/@@view
fisheries.msc.org/en/fisheries/joint-demersal-fisheries-in-the-north-sea-and-adjacent-waters/@@view

Soziale Aspekte

Die gemischte Plattfischfischerei in der Nordsee wird überwiegend mit kleineren Fahrzeugen durchgeführt. Diese Fischereibetriebe haben erhebliche Bedeutung für die strukturschwachen Gebiete an den Küsten der Anrainerstaaten. Die Fahrzeuge fahren unter den Flaggen der Anrainerstaaten, die Arbeitsbedingungen an Bord und die Entlohnung erfolgt daher nach deren Regeln. Hauptfangnation sind die Niederlande (2018: 75% der Anlandungen). [12] [13] [1149] [1153]

Marktdaten

2022 (vorl.): Verbrauch in Deutschland: 800 t (2021: 885 t), Marktanteil (Fische, Krebse, Weichtiere): 0,1 % (2021: 0,1 %) [13] [14]

Oops, an error occurred! Code: 202402292017076fe8f56b

Klassifizierung nach dem Ansatz des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages (MSY), durch den ICES bis 2020 oder analog zu dessen Einteilung:

SymbolBiomasseBewirtschaftung (fischereiliche Sterblichkeit)
innerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwertangemessen oder unternutzt
außerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwertübernutzt
Zustand unklar, Referenzpunkte nicht definiert und/oder unzureichende DatenZustand unklar, Referenzpunkte nicht definiert und/oder unzureichende Daten
Oops, an error occurred! Code: 202402292017071acc5fb9