Bestandsdatenblatt

Nördlicher (europäischer) Seehecht

Gültig 06/2015 - 06/2016

Nördlicher (europäischer) Seehecht

gültig 06/2015 - 06/2016

Zugehörige Fischart

Seehecht (6 Arten)

Allgemeine Informationen


Ökoregion:Nordsee, Keltischer und Biskaya-Schelf
Fanggebiet:westliche Ostsee (22-24), nördliche Biskaya (8.abd), nördliche Gebiete (3.a, 4, 5, 6, 7), ozeanischer Nordostatlantik (10, 12, 14) FAO 27
Art:Merluccius merluccius

Wissenschaftliche Begutachtung

Internationaler Rat für Meeresforschung (ICES), Kopenhagen, www.ices.dk

Methode, Frequenz

Jährliche analytische Bestandsberechnung mit Vorhersage unter Verwendung von Fangdaten und vier unabhängigen wissenschaftlichen Forschungsreisen. Die Referenzpunkte nach dem Konzept zur Erlangung des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages sind definiert (Fmsy, Btrig). Für die Laicherbiomasse sind außerdem die Referenzwerte nach Vorsorgeansatz festgelegt (Bpa, Blim). Ein großer Teil der Rückwürfe geht in die Berechnung ein. [853] [854]

Wesentliche Punkte

2015: Die Laicherbiomasse des nördlichen europäischen Seehechts ist weiter gestiegen und erreicht den höchsten Wert der gesamten Zeitreihe. Sie liegt weit im grünen Bereich. Die fischereiliche Sterblichkeit bleibt stabil und liegt noch immer über dem Referenzwert zur Erlangung des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages (MSY). [853] [854]

Bestands­zustand

Laicherbiomasse (Reproduktionskapazität)

  volle Reproduktionskapazität (nach Vorsorgeansatz)

  Referenzwerte nicht definiert (nach Managementplan)

  innerhalb der Schwankungsbreite um den Zielwert (nach höchstem Dauerertrag)

 

Fischereiliche Sterblichkeit
 

  Referenzwerte nicht definiert (nach Vorsorgeansatz)

  Referenzwerte nicht definiert (nach Managementplan)

  übernutzt (nach höchstem Dauerertrag)

 

Bestands­entwicklung

Die Laicherbiomasse des nördlichen europäischen Seehechts nahm seit Beginn der Zeitreihe langsam aber fast kontinuierlich ab, bis Ende der 1990er Jahre das historische Minimum erreicht wurde. Gleichzeitig stieg die fischereiliche Sterblichkeit stark an. Seit 1998 erholte sich der Bestand zunächst langsam, seit 2008 schnell, und die Biomasse erreichte 2014 den höchsten Wert der Zeitreihe. Die fischereiliche Sterblichkeit konnte zwischen 2007 und 2010 erheblich gesenkt werden, hat sich aber seither knapp über dem Referenzwert zur Erlangung des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages (Fmsy) stabilisiert. Die Nachwuchsproduktion schwankt ohne klaren Trend. Nach schwachen Jahrgängen 2009 bis 2011 gehören der 2012er und 2013er Jahrgang möglicherweise zu den stärksten der gesamten Zeitreihe. [853] [854]

Ausblick

Aufgrund der guten Nachwuchsproduktion können die Fangmöglichkeiten zumindest kurzfristig steigen. Die weitere Entwicklung der Fangmöglichkeiten hängt davon ab, ob die fischereiliche Sterblichkeit ausreichend gesenkt werden kann, um den Bestand nach MSY zu bewirtschaften. [853] [854]

Umwelt­einflüsse auf den Bestand

Ökologische Faktoren und Umwelteinflüsse auf diesen Seehechtbestand werden zurzeit weder in der Begutachtung noch für die Bewirtschaftung berücksichtigt. Es wurden jedoch Veränderungen in der erfolgreichen Nachwuchsproduktion von Seehecht zeitgleich mit Veränderungen von verschiedenen globalen, regionalen und lokalen Parametern beobachtet. So profitieren z.B. frühe Lebensstadien wahrscheinlich von etwas wärmeren Temperaturen. [853] [854]

Wer und Wie

Die Bewirtschaftung erfolgt vor allem durch die Europäische Union. Seit 2004 gibt es einen Erholungs- bzw. Managementplan, der wegen der inzwischen völlig veränderten Wahrnehmung des Bestandes nicht mehr verwendet werden kann, weil die Zielwerte nicht mehr gültig sind. Er wird daher vom ICES nicht mehr als Basis für die Fangempfehlung genutzt. Die Bewirtschaftung erfolgt über gebietsbezogene Höchstfangmengen (TACs) im Rahmen eines Gesamt-TAC für diesen Bestand. Außerdem gibt es Mindestanlandelängen und technische Regularien wie z.B. bestimmte Maschenweiten in unterschiedlichen Gebieten und Fischereien. Fänge aus diesem Bestand in der ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) Norwegens sind über eine Quote für sogenannte „andere Arten“ reguliert. Da die Seehechtfänge in diesem Gebiet stark gestiegen sind, erwägt Norwegen noch 2015 die Einrichtung eines spezifischen Seehecht-Managements in seinen Gewässern. [359] [763] [798] [853] [854]

Differenz zwischen Wissen­schaft und Management

Vor 2006, insbesondere vor Implementierung des Erholungsplanes, wurden die Höchstfangmengen (TACs) teilweise erheblich höher als die Fangempfehlungen festgesetzt. 2006 bis 2010 und 2014 hat sich das Management dicht an die wissenschaftliche Empfehlung gehalten, sie 2011 bis 2013 und 2015 jedoch wieder überschritten. Die Anlandungen liegen seit 2009 deutlich über den TACs. [853] [854]

Karten

Verbreitungsgebiet

Managementgebiet

Seehecht wird im Nordostatlantik als zwei getrennte Bestände bewirtschaftet: einen nördlichen und einen südlichen. Der hier behandelte nördliche Bestand ist geografisch weit verbreitet (ICES Gebiete IIIa, IV, VI, VII und VIIIabd). Die Bewirtschaftung erfolgt über gebietsbezogene Höchstfangmengen (TACs) im Rahmen eines Gesamt-TAC, der auch die EU-Gewässer von IIa und Vb und internationale Gewässer von Vb, XII und XIV beinhaltet, nicht aber die Gewässer der Färöer-Inseln. In Norwegen wird Seehecht derzeit über eine Quote für sogenannte „andere Arten“ reguliert. [798] [853] [854]

Anlandungen und TACs (in 1.000 t)

Gesamtfang2014: Gesamtfang: 98,9 (Anlandungen: 89,8, Rückwürfe 9,1); von den Anlandungen Langleinen 39%, Kiemennetze 27%, Schleppnetze 23%, andere 11%
TACs2008: 54,0 2009: 51,5 2010: 55,1 2011: 55,1 2012: 55,1 2013: 55,1 2014: 81,8 2015: 90,8 [798] [853] [854]

IUU-Fischerei

In den letzten Jahren können die Höchstfangmengen (TACs) die Fischerei nicht effektiv regulieren. Die Anlandungen lagen auch 2014 wieder über der erlaubten Fangmenge (ca 20%). Seit 2011 gibt es nicht zugeordnete Anlandungen, die auf den Unterschieden zwischen offiziellen Statistiken und den deutlich höheren wissenschaftlichen Abschätzungen beruhen. [853] [854]

Struktur und Fangmethode

Seehecht wird meist in einer gemischten Fischerei mit Seeteufel, Flügelbutt und/oder Kaisergranat gefangen. Zum Einsatz kommen verschiedene Fanggeräte, die in unterschiedlichen Fischerei-Einheiten zusammengefasst sind. Die meisten Anlandungen kommen zurzeit aus ICES-Gebiet VII. Hauptfangnation ist Spanien. [13] [853] [854]

Beifänge und Rückwürfe

In einigen Gebieten und Flotten ist der Rückwurf von jungen Seehechten sehr hoch. Auch der Rückwurf von größeren Tieren ist in den letzten Jahren gestiegen, da in einigen Flotten die Quoten restriktiver wurden. Die bekannten Rückwürfe stiegen von 2008 bis 2013 in allen Flotten signifikant an. 2014 haben die Rückwürfe aber in allen Flotten wieder abgenommen. Laicherbiomasse und Ertrag des Bestandes könnten erheblich steigen, wenn der Rückwurf von kleinen Seehechten reduziert würde. Rückwürfe von quotierten Arten sind in Norwegen verboten, in EU-Gewässern gilt für Seehecht bis spätestens Ende 2018 nur ein Verbot des „highgradings“ (Rückwurf legal anlandbarer Fische). [631] [853] [854]

Einflüsse der Fischerei auf die Umwelt

Durch den Einsatz von Grundschleppnetzen (23% der Seehecht-Anlandungen) können Bodenlebensgemeinschaften geschädigt werden. Artenzusammensetzung, Biomasse und Nahrungsgefüge können sich erheblich verändern. Der Einfluss hängt aber auch von Fangmethode und Bodenstruktur ab. Auf sandigem Boden hat eine Studie in den USA nur einen geringen Einfluss durch Grundscherbrettnetze feststellen können. So waren zwar die Spuren der Scherbretter lange sichtbar (mindestens 1 Jahr), es konnten aber kaum signifikante Unterschiede in der Mikrotopographie der befischten und unbefischten Gebiete nachgewiesen werden. Auch bei strukturformenden und mobilen Wirbellosen zeigten befischte und unbefischte Gebiete keine signifikanten Unterschiede. In Kiemennetzen können Seevögel und Meeressäuger beigefangen werden, küstennah z.B. Schweinswale. In der Langleinenfischerei kommt der Beifang von Seevögeln vor. Verlorengegangene Geräte wie Kiemennetze können für eine gewisse Zeit weiterfischen (ghost fishing). Der Einfluss des „ghost fishing“ ist noch nicht quantifiziert worden, ist in flachen Bereichen (kleiner 200 m) aber kein signifikantes Problem. [7] [8] [30] [808]

Biologische Besonder­heiten

Dieser Bestand laicht von Februar bis Juli entlang der Schelfkante von der Biskaya bis südlich und westlich von Irland. Nach einer kurzen Lebensphase im Freiwasser („pelagisch“) gehen die jungen Seehechte vorübergehend zum Bodenleben in über 200 m Tiefe über. Bereits im September wechseln sie erneut den Lebensraum, diesmal in flacheres Wasser mit schlickigem Boden in etwa 75-120 m Tiefe. [853] [854]

Zusätzliche Informationen

Die Trennung der zwei Seehechtbestände im Nordost-Atlantik in einen nördlichen und einen südlichen Bestand basiert nicht auf biologischen Erkenntnissen. Genetische Unterschiede konnten nicht gefunden werden. Die angenommene Trennlinie ist der Cap Breton Canyon etwa an der Grenze zwischen Frankreich und Spanien. Der Canyon wird als geographische Schranke betrachtet, weil er möglicherweise den Austausch zwischen den Beständen verringert. Eine Vermischung der „Bestände“ ist aber wahrscheinlich. [853] [854]

Zertifizierte Fischereien

Drei Fischereien auf diesen Seehechtbestand sind nach den Standards des Marine Stewardship Councils (MSC) zertifiziert. [4]

Soziale Aspekte

Die Seehecht-Fischerei wird in verschiedenen gemischten Fischereien und daher auch mit verschiedenen Fahrzeugen aller Größen durchgeführt. Die Fahrzeuge fahren unter den Flaggen der jeweiligen Anrainerstaaten, die Arbeitsbedingungen an Bord und die Entlohnung erfolgt daher nach deren Regeln. Hauptfangnation ist Spanien. [13] [853] [854]

AutorJahrTitelQuelle
[4]Marine Stewardship Council (MSC)Fisch und Meeresfrüchte aus zertifiziert nachhaltiger Fischereimsc.org
[7]Kaiser MJ, Ramsay K, Ramsay K, Richardson CA, Spence FE, Brand AR2000Chronic fishing disturbance has changed shelf sea benthic community structure Journal of Animal Ecology 69:494-503
[8]Hiddink JG, Jennings S, Kaiser MJ, Queirós AM, Duplisea DE, Piet GJ2006Cumulative impacts of seabed trawl disturbance on benthic biomass, production, and species richness in different habitats Canadian Journal of Fisheries and Aquatic Sciences 63:721-736
[13]Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) Homepageble.de
[14]Fisch-Informationszentrum e.V. (FIZ)Fisch-Informationszentrum e.V. Homepagefischinfo.de
[30]Food and Agriculture Organization (FAO)FAO. © 2003-2010. Fisheries Topics: Technology. Fish capture technology. In: FAO Fisheries and Aquaculture Department [online]. Rome. Updated 2006 15 09.[Cited 10 June 2010]fao.org
[359]European Comission2004Verordnung (EG) Nr. 811/2004 des Rates vom 21.4.2004 zur Festlegung von Maßnahmen zur Wiederauffüllung des nördlichen Seehechtbestandseuropa.eu
[631]Europäische Union (EU)2013Verordnung (EU) Nr. 227/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 13. März 2013 zur Änderung der Verordnung (EG) Nr. 850/98 des Rates zur Erhaltung der Fischereiressourcen durch technische Maßnahmen zum Schutz von jungen Meerestieren und der Verordnung (EG) Nr. 1434/98 des Rates über die zulässige Anlandung von Hering zu industriellen Zwecken ohne Bestimmung für den unmittelbaren menschlichen Verzehreuropa.eu
[763]Anonymus2014Agreed record of fisheries consultations between the European Union and Norway for 2015. Clonakilty, 4 December 2014
[798]Europäische Union (EU)2015Verordnung (EU) 2015/104 des Rates vom 19. Januar 2015 zur Festsetzung der Fangmöglichkeiten für bestimmte Fischbestände und Bestandsgruppen in den Unionsgewässern sowie für Unionsschiffe in bestimmten Nicht-Unionsgewässern (2015) und zur Änderung der Verordnung (EU) Nr. 43/2014 sowie zur Aufhebung der Verordnung (EU) Nr. 779/2014europa.eu
[808]James Lindholm J, Gleason M, Kline D, Clary L, Rienecke S, Cramer A, Los Huertos M2015Ecological effects of bottom trawling on the structural attributes of fish habitat in unconsolidated sediments along the central California outer continental shelf Fishery Bulletin 113:82-96
[853]ICES2015Report of the Advisory Committee, 2015. Book 9. Widely Distributed and Migratory Stocks 9.3.14 Hake (Merluccius merluccius) in Subareas IV, VI, and VII and Divisions IIIa, VIIIa,b,d (Northern stock) (Greater North Sea, Celtic Seas, Northern Bay of Biscay)ices.dk
[854]ICES2015Report of the Working Group for the Bay of Biscay and the Iberian waters Ecoregion (WGBIE), 04-10 May 2015, ICES HQ, Copenhagen, Denmark. ICES CM/ACOM:11. 503 pp.ices.dk